Die offenen Wunden Bosnien-Herzegowinas

Die Folgen des Krieges in Bosnien sind noch spürbar. „Die Mehrheit der jungen Bosnier will weg.“ Alma, Anela und Srđan erzählen uns von den Realitäten eines geteilten Landes. Außerdem erklären uns die Experten, was dort zuvor geschah.

Unos familiares entierran a su ser querido, identificado en julio de 2010, quince años después de que fuera asesinado en Srebrenica, Bosnia-Herzegovina (autor: Alfons Rodríguez)
©Alfons Rodríguez

„Die Särge kamen zu Hunderten. Das gesamte Mittelschiff war ein Raum gefüllt mit Tod und Trauer. Ich besah all das in Stille. Langsam ging ich von einem Ort zum anderen mit meinem Herz in meiner Faust. Ich sah die Familie um ihre Geliebten weinen, hob meine Kamera und machte einige Aufnahmen.“

Alfons Rodríguez erinnert sich an die Szene derer er Zeuge wurde; er ist ein spanischer Fotojournalist, der über Konflikte im Kongo und im Irak für Zeitschriften wie National Geographic berichtet hat. In diesem Fall fand sich Rodríguez in Bosnien-Herzegowina wieder, wo er den Moment festhielt, als eine Familie ihre Angehörigen verbrannte, 15 Jahre nachdem sie in Srebrenica getötet worden waren. Es gibt dort noch immer 2,000 Opfer, die darauf warten identifiziert und bestattet zu werden.

Srebrenica ist eigentlich ein kleiner Ort östlich der Republik Srpska. Dieses Gebiet, das mehrheitlich serbisch ist, formt eine der zwei Regionen aus denen der Staat Bosnien-Herzegowina besteht. Die andere Hälfte wird Föderation von Bosnien und Herzegowina genannt und die Mehrheit der dort Lebenden sind Bosnier und bosnische Kroaten; Bosnien ist also ein dezentralisierter Staat mit zwei politischen Identitäten und drei Nationalitäten.

Vor dem Krieg in der 90ern bestanden weder territoriale Einheiten mit Abkürzungen noch Gebiete mit doppelten Namen. Bis 1992 war Bosnien-Herzegowina noch eines von sechs Territorien, die zusammen mit zwei autonomen Regionen die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien formten.

Die staatstragende Konstruktion Jugoslawiens bestand aus drei Säulen: Marschall Josip Broz ‚Tito‘ als Staatsoberhaupt, die Liga der Kommunisten als Instrument der politischen Kontrolle und die gemeinsame Armee als ein Werkzeug gegen innere Uneinigkeit und Einmischung von außen. Nach dem Tod Titos 1980 fielen die anderen beiden Säulen wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Der Desintegrationsprozess gebar fünf Kriege zwischen 1991 und 2001.

Das Kosovo, ein Territorium dessen Unabhängigkeit von den Vereinigten Staaten und Frankreich, nicht aber von Spanien oder Serbien anerkannt worden ist, verdeutlicht, dass dieser Prozess noch längst nicht abgeschlossen ist. Bosnien-Herzegowina, in einem paralysierten Zustand zwischen verschiedenen politischen Einheiten, mit rotierenden Präsidentschaften und einer Arbeitslosigkeit von 45 Prozent bekräftigt die Position des Kosovo.

Was geschah damals?

FOTO 2: Vista panorámica de Sarajevo, en una foto reciente (autora: Alma Telibecirevic)
© Alma Telibecirevic

 Am Frühlingsanfang 1991 trafen sich der serbische Präsident Slobodan Milošević and sein kroatischer Widerpart Franjo Tudjman in Titos altem Farmhaus. Es war ein geheimes Treffen; niemand konnte wissen, dass die beiden kurz davor standen, ein Land auseinanderzubrechen, das nicht ihres war. Als Begründung zogen sie die etwas über vier Millionen bosnischen Einwohner heran. 31.3 Prozent bosnische Serben, 17.3 bosnische Kroaten. Die Mehrheit von 43.7 Prozent war muslimischer Abstammung und auch als Bosniaken bekannt. Keine der westlichen Regierungen schien sich für diese Pläne zu interessieren.

Milošević sagte den in Jugoslawien verstreut lebenden Serben, dass er ein Groß-Serbien anstrebe. Unter diesem Vorwand festigte er seine Macht. Sobald er allerdings konnte, entledigte er sich der Serben aus Krajina, einem Gebiet in der kroatischen Zone. In Wahrheit wollte Milošević mehr Macht für Milošević und Tudjman wollte etwas sehr ähnliches für sich selbst.

Nach Titos Tod und nachdem auch die slowenischen Führer der Kommunistischen Liga den Rücken gekehrt hatten, existierten die Säulen, die den jugoslawischen Staat trugen kaum mehr. Überdies hatte sich die letzte Säule, die gemeinsame Armee, gerade im ersten Konflikt mit Slowenien als ineffizient erwiesen. Die Armeeführung bestand mehrheitlich aus Serben während es in den Mannschaftsgraden der Armee jugoslawische Bürger aller Nationalitäten gab. In der Folge wurden kroatische oder slowenische Männer gegen ihre eigenen Leute mobilisiert. In dem Moment als die UdSSR zusammenfiel, und Jugoslawien ohne seine tragenden Säulen dastand, griff die Mehrheit der politischen Köpfe der jugoslawischen Republik zu einer einfachen Strategie: sie betonten Nationalismus um die Macht zu bewahren und den Hass ihrer Nachbarn zu schüren und damit Wähler zu gewinnen.

„Wie in vielen anderen Ländern mit solch einer komplizierten Geschichte, hatte Jugoslawien Zeiten erlebt, in denen manche Gruppen – nicht immer ethnische Gruppen – sich gewaltsam bekämpft haben. Politiker fanden es leicht, bestimmte Gefühle von Ablehnung und sogar ethnisch-begründetem Hass zu benutzen um an die Vergangenheit zu appellieren. Auf diese Weise konnten sie die politische Kontrolle über ihre Republik, Region oder Provinz aufrecht erhalten. Sie ersetzten sozusagen eine Ideologie bei der jeder mitgemacht hatte, den Kommunismus, durch eine neue, den Nationalismus, mit dem Ziel sich selbst in der Machtposition zu stabilisieren, indem sie ihre Überlegenheit auf willkürlichen Mechanismen von Mehr- und Minderheiten fundierten”, erklärt María José Pérez del Pozo, eine promovierte Informationswissenschaftlerin und und Professorin für Internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Zentraleuropa und Vorderer Orient an der Universidad Complutense in Madrid, den Wandel, der in den 1990ern stattfand.

„Die eigentlichen Ursachen der Kriege waren eher politische und ethnische Argumente als religiöse. Ich wiederhole: Die alten kommunistischen Eliten, die sich selbst mit der Macht verschiedener Republiken fortpflanzten, benutzen einen neuen nationalistischen Diskurs. Das war das Ziel. Wenn wir uns die auf Ethnie basierenden Staatsprojekte (wie Kroatien und Serbien) anschauen, benutzten sie Ethnizität um den Konflikt ‚lokal zu verankern‘ und die ethnischen Säuberungen zu rechtfertigen“, sagt Pérez del Pozo.

Die Kriege erstreckten sich praktisch über die gesamten Neunziger und hatten Auswirkungen auf alle Teilrepubliken der ehemaligen Sozialistischen Republik. Der Bärenanteil traf Bosnien, eines der ärmsten Länder der Region.

Der Bosnienkrieg war ein absolutes Wirrwarr. Die Armee, die aus drei Nationalitäten zusammengesetzt war, mischte sich mit Paramilitärs, Neonazi Freiwilligen, Mujahideen, Kommunisten, Mafiagruppen und nicht zuletzt, der NATO. Hätte die Hölle auf Erden in den letzten Jahren irgendwo bestanden, dann wäre es in Sarajevo, der Hauptstadt Bosniens gewesen, wo Scharfschützen mehr Punkte bekamen, wenn sie ein Kind erschossen.

Unter diesen Umständen betraten am 11. Juli 1995 Truppen unter der Führung des bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladić Srebrenica eine Siedlung unter dem Schutz von 400 niederländischen Blauhelmen. Ihr Status als ’sichere Zone‘ hatte mehr als 60,000 Zivilisten angezogen, die dem Konflikt entfliehen wollten. In weniger als zehn Tagen töteten Mladićs Truppen über 8,000 Menschen in einer ethnischen Säuberung.

Der Bosnienkrieg dauerte mehr als drei Jahre. Als er 1995 endete waren 100,000 tot (die Zahlen schwanken nach Quellen zwischen 25,000 und 330,000). 1.8 Millionen Menschen flohen oder verloren ihre Heimat.

Nach mehreren europäischen Anläufen gelang es schließlich US-amerikanischen Diplomaten, die Beteiligten dazu zu bewegen, in Dayton einen Vertrag zu unterzeichnen, der den Krieg in Bosnien Herzegowina beendete. Laja Destremau, eine Politikexpertin am King’s College, die sich auf den Bosnienkonflikt spezialisiert, erläutert die Vereinbarung von Dayton. „Der Dayton-Vertrag war die einzige Lösung um das Blutbad in Bosnien zu stoppen. Die politische Elite beschloss es umzusetzen, aber es stellte sich nicht als gangbare Lösung heraus. Die Ernennung von drei Präsidenten, einem Serben, einem Kroaten, und einem Bosnier, die alle acht Monate rotieren, hat natürlich in eine politische Sackgasse geführt. Reformen sind unmöglich. Hinzu kommt, dass die Situation ohnehin existierende nationalistische Gefühle verstärkt. Das System basiert auf ethnischer Trennung (Kinder gehen getrennt in die Schulen, vor dem Gesetz sind nicht alle Bürger gleich: beispielsweise können sich nur Vertreter der drei Hauptethnien zur Wahl stellen). Der politische Stillstand ermutigt Politiker nicht, die lang überfälligen Reformen, etwa die Verfassungsreform, anzugehen. Eine Verfassungsreform würde bedeuten, dass sie Teile ihrer Macht abgeben müssten. Das Abkommen von Dayton war also in der Tat notwendig und zu seiner Zeit wohl die einzige mögliche Lösung, aber es ist sicher auch teilweise verantwortlich für den politischen Stillstand in dem Bosnien sich nun befindet“. „Ungeachtet der Spannungen die sich verschiedentlich spüren lassen, wäre es sehr ungewöhnlich, wenn die Gewalt zurückkehrte,“ fährt Destremau fort, „Die Zukunft der Region ist an die Europäische Union geknüpft und sie haben viel Fortschritt für das Land erreicht. Um aber vollends Versöhnung zu erreichen, wären Jahrzehnte nötig. Die Europäische Union kann nicht verlangen, dass die Bosnier glücklich zusammenleben nach all dem was in den 90ern passiert ist. Eine stabile Situation zu erreichen, ist der erste Schritt.“

Es gibt bestimmte Probleme, die das Abkommen von Dayton nicht lösen konnte. „Man könnte die täglichen Spannungen zwischen bestimmten Gruppen ansprechen. Zum Beispiel gibt es weiterhin sehr wenige Ehen zwischen Paaren verschiedener Nationalitäten. Solcherlei Konflikte waren aber auch vor dem Krieg an der Tagesordnung“, bestätigt Destremau, der überlegt: „Wenn Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, dann trifft das Gegenteil ebenso zu.“

Was geschieht jetzt?

FOTO 3: Alma Telibecirevic (autor: Vanja Cerimagic)
© Vanja Cerimagic

Seit einigen Jahren finden sich in Berlin an jeder Ecke Partys, die Elemente von ‚Balkan Musik‘ aufnehmen. Es geht nicht um Folklore, sondern um elektronische Musik. Der DJ wählt Versatzstücke von Balkanrythmen und benutzt sie um endlose Liedschleifen zu erschaffen zu denen Menschen frenetisch tanzen und er benutzt sie immer in einem fortdauernden Crescendo. Deutsche Jugendliche haben, wie die anderen Nationalitäten, die das heterogene Berlin bevölkern auch, diese Musik als ihre eigene akzeptiert und heutzutage ist es nicht ungewöhnlich, Partys zu finden, die allein diesem Genre gewidmet sind. Ebenso wenig scheint es irgendjemandem seltsam vorzukommen, dass genau im Zentrum Berlins ein Club existiert der nach der Hauptstadt der Republik Srpska „Banja Luka“ heißt.

Dieser Einfluss des Balkan mag dem Umstand zu verdanken sein, dass Deutschland in den 90ern das Land war, das sich am meisten um die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Bosnienkrieg bemühte. Insgesamt 320,000 Bosnier gingen nach Deutschland, um dem Konflikt zu entkommen. Viele von ihnen, wie Anela Alić, waren noch Kinder. „Ich wurde in Sarajevo geboren und lebte dort bis der Krieg ausbrach. Meine Mutter war zufällig in ihrer Heimatstadt Gorazde mit mir als Kleinkind als der Krieg begann. Sie verließ Gorazde und wir zogen nach Konstanz in Deutschland.“ Sie lebte in Deutschland bis sie 7 war und ihre Familie beschloss nach Sarajevo zurückzukehren. Nach kurzer Zeit mussten sie in eine neue Stadt ziehen. „Meine Mutter und mein Vater konnten keine Arbeit in Sarajevo finden, also entschied sich meine Mutter eine Anstellung in ihrer Heimatstadt zu suchen. Sie zog allein nach Gorazde und dann zogen mein Vater, Bruder und ich ihr später hinterher. Ich lebte acht Jahre lang in Gorazde.“

Anela standen indes noch mehr Veränderungen bevor. „In meinem zweiten Jahr auf der weiterführenden Schule bewarb ich mich für das United World College in Mostar (Bosnien-Herzegowina), wo ich zwei Jahre meines Lebens verbrachte. Nach dem Abschluss an der UWCiM entschied ich mich dorthin zu gehen, wo es auch die meisten meiner Freunde hinzog: nach Amerika. Ich hatte vorher nie daran gedacht und fühlte mich auch nicht zu dem Land hingezogen, aber die Umstände in Europa und Probleme mit der Studienförderung haben dazu geführt, dass ich in Maryland lebe. Inzwischen ist es schon drei Jahre her seit ich in die Staaten gezogen bin.“

Anela ist heute 21 Jahre alt und könnte leicht mit jedem anderen amerikanischen Studenten in ihrem Alter verwechselt werden. Alles an ihrem Leben scheint gut und normal, bis man sie danach fragt, wie der Krieg ihren Alltag beeinflusst hat. „Der Übergriff auf Bosnien hat mich auf zweierlei Weise nachhaltig beeinflusst. Erstens habe ich den Großteil meiner Kindheit in Deutschland – weit weg von meiner Familie und meinem Vater, der in Sarajevo war – verbracht. Zweitens wurde mein Großvater in Gorazde getötet und ich hatte nie Gelegenheit ihn kennenzulernen. Ich kann mich glücklich schätzen, dass keinem meiner anderen Familienmitglieder etwas zugestoßen ist.“ Ungeachtet der Entfernung zu Bosnien und ihres Kunststudiums ist Anela noch an den politischen Belangen ihres Heimatlandes interessiert. „Als Kind zweier Jugoslawen, die niemals auf den Namen oder die Religion eines Menschen geachtet haben, bin ich in einer anti-nationalistischen Familie aufgewachsen. Mein Vater und meine Mutter lebten im selben Haus mit Serben, Kroaten, Juden und Muslimen. Ich war sehr naiv und glaubte, die Ablehnung sei verschwunden und existiere nicht mehr. Als ich an die UWCiM kam und mit Kindern zusammenlebte, die aus Orten stammten, wo ausschließlich Kroaten oder Serben lebten, wurde mir klar, dass Wut existiert. Niemals zwischen meinen Freunden und mir, aber ich konnte die Wut aus allen Richtungen betrachten. Mit zunehmendem Alter sehe ich auch, dass es Ansammlungen von Menschen in allen drei Gruppen gibt, die immer frustriert und wütend sein werden. Wer wäre das auch nicht? Niemand von uns lebt gut – Menschen aus der Republik Srpska, der bosnischen Föderation und dem kroatischen Teil habe alle dieselben Schwierigkeiten im Leben. Es gibt nicht genügend Arbeit, die Wirtschaft schwächelt und die Lage der Landwirtschaft ist furchtbar. Darüber hinaus haben wir drei Präsidenten und wieder einmal ist niemand zufrieden mit ihnen. Die Trennung Bosnien-Herzegowinas in die Republik Srpska und die bosnische Föderation zeigt einem die Ablehnung unter den Bevölkerungsgruppen.“

Anela denkt, dass die Teilung Bosniens in zwei politische Einheiten „1995 die einzig gute Lösung für beide Seiten war“, aber sie zweifelt, dass sie noch immer gut ist. „Wir werden mehr und mehr entzweit. Bosnisch-serbische Politiker wollen einen eigenen Staat. Deshalb ist unser Bildungssystem, die Politik und auch alles andere verschieden. Kinder in der Republik Srpska haben keine Ahnung, was in der Föderation vor sich geht und umgekehrt. Ich habe das Gefühl, dass wir neue Generationen unter dem Eindruck von Hass und Segregation aufziehen.“

Srđan Beronja ist 22 Jahre alt und kommt von der serbischen Seite Bosniens. Als er jünger war musste er mehrmals innerhalb der Region umziehen, um den Konfliktherden auszuweichen. Bis sie dann in Banja Luka heimisch wurden, der Stadt in der er bis 2010 lebte. Danach ist er in die Vereinigten Staaten gezogen und studiert heute Internationale Beziehungen und Wirtschaft an der Brown University. Srđan stimmt hinsichtlich der gegenwärtigen Ineffektivität der politischen Spaltung des Landes mit Anela überein. „Ich denke, dass die Lösung Bosnien in zwei politische Einheiten aufzuteilen damals positiv war um den Konflikt zu beenden, aber jetzt ist es etwas redundant, denn es bedeutet, dass die Regierung zu ineffizient ist. Es scheint mir jetzt wie ein politisches Spiel zu sein, das die Gräben vertieft, anstatt, dass man sich daran versucht, sie aufzufüllen und positive ökonomische Strategien zu erarbeiten. Die Regierung hat Nationalismus und politische Trennlinien in einer Weise gebraucht, die es erreicht, dass Menschen sich auf sie konzentrieren und die andauernden ökonomischen Missgriffe vergessen, welche die gegenwärtige Regierung verursacht.“

Srđan sieht auch auf anderen Ebenen Probleme: „Unglücklicherweise scheinen heute viele junge Leute so zu sein wie die Nationalisten ohne wirklich zu begreifen warum und ohne gute Gründe, obwohl es schon weit weniger so ist als in der Vergangenheit. Dies passiert häufig in kleinen, geschlossenen Gemeinschaften. Der Reisefreiheit, gemeinsamen Ereignissen, dem Internet, gemeinsamer Gefühle und verschiedener Schulen wie ‚United World College‘ in Mostar sei Dank, verbessert sich alles.

Die Erfahrung des ‚United World College‘ aber ist nicht der bosnische Normalfall. Wie sich Alma Teliberic erinnert, ist es normal „zwei Schulen unter einem Dach zu haben.“ Ein Teil für die serbischen Kinder und der andere für die kroatischen und bosnischen Kinder. Für Alma sind die Folgen des Konflikts „überhaupt noch nicht vorüber.“ Aus ihrer Perspektive ist Bosnien-Herzegowina „extrem zerrissen und jeder kann dieses Gefühl in der Luft spüren.“

Alma war gerade erst ein Teenager als der Krieg begann. Sie wurde 1978 in Sarajevo geboren und erinnert sich an die Stadt ihrer Kindheit als „ein Hippie-Ort voller Musik und guter Stimmung. Ich war jung, aber ich erinnere mich an die Olympischen Spiele von 1984 und die Atmosphäre, die sie umgab.“ Die Nachbarschaft, in der sie lebte, wurde besetzt und ihre Familie musste fortgehen. „Also ließen wir all unser Zeug zurück und wurden Flüchtlinge. Mein Vater wurde Ende 1992 von einem Scharfschützen ermordet. Ich war 14.“

Alma, die viele Erfahrungen in der Organisation von Festivals und Kulturprojekten hat, ist noch stets von der Stadt gefesselt. „Sarajevo ist eine der schönsten Städte der Welt. Es ist weder groß noch klein, aber es hat genug Platz für ein gutes Leben. Es gibt einen Mix aus Ost und West. Menschen nennen es sogar ‚Das europäische Jerusalem‘, weil sich auf einem Gebiet von 500 Metern orthodoxe, katholische, jüdische und muslimische Bethäuser drängen. Das Essen ist großartig und die Leute sind sehr freundlich.“

Dieses kulturellen Reichtums zum trotz betont Alma, dass „viele junge Menschen weggehen wollen.“ Der Grund ist, dass „es scheint als sei Bosnien-Herzegowinas Situation nie schlimmer gewesen… Der Arbeitslosenanteil ist auf 55 Prozent gestiegen. Die Europäische Union sagt, dass wir keine Fortschritte machen und kürzten die Hilfen. Niemand investiert hier Geld. Es ist so ein korruptes und tief gespaltenes Land und Studien zufolge sind wir auf den letzten Platz der ökonomischen Entwicklung in Europa gefallen. Die Mehrheit junger Bosnier will weg; mich eingeschlossen, falls ich eine Möglichkeit sehe.“

Derweil sieht Anela nur eine Lösung: „Der Schlüssel ist die Ausbildung unserer Kinder, um moralische Werte zu fördern und die positiven Aspekte zu betonen, während man den Hass zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen beiseite schiebt. Unser Land ist sehr jung und das Ende des Krieges liegt noch nicht lang zurück. Es ist also nachvollziehbar, dass Menschen noch verletzt sind und nicht zusammenarbeiten wollen. Darum müssen wir daran arbeiten eine bessere Zukunft für uns selbst und die Folgegenerationen aufzubauen.“

ANMERKUNG DES AUTORS

Ich möchte Alic Anela, Srđan Beronja, Emir Bihorac, Laja Destremau, Maria Hardt, Una Hajdari, Enesa Mahmic, Cristina Marí, Milena Nikolic, Nada Nowicka, María José Pérez, Alfons Rodríguez, Gervasio Sánchez, Xavier Servitja und Alma Telibecirevic dafür danken, dass sie so freundlich waren, mir ihre Version der Ereignisse zu erzählen und dafür, dass sie mir halfen, Kontakt mit den richtigen Leuten herzustellen. Einige Berichte konnten hier wegen der Längenbegrenzung nicht aufgenommen werden. Ohne eure Hilfe aber, wäre ich nicht in der Lage gewesen, zu erreichen, was ich erreichen wollte: ein Bild der heutigen komplexen Situation im erstaunlichen Bosnien-Herzegowina zu zeichnen und ein Plädoyer über die Sinnlosigkeit des Krieges zu halten.

ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS

Der Krieg kam in mein Klassenzimmer als die Lehrerin den ersten Flüchtling sanft durch die Türe schob. Ich weiß noch wie sie ihn vorstellte und wie mucksmäuschenstill es war. Bald spielte er Fußball, fluchte und raufte wie wir anderen. Von Srebrenica sprachen wir nicht, nicht von Mladić, und nicht von den Gräbern. Ich möchte J. Ignacio Urquijo Sánchez und Maria Hardt danken, dass wir nun einen Platz mehr haben, um darüber zu sprechen.

[crp]

Autor

J. Ignacio Urquijo Sánchez (Spanien)

Studium / Arbeit: Journalismus und Internationale Beziehungen

Sprachen: Spanisch, Englisch, Deutsch

Europa ist… eine Mischung großartiger Kulturen, von Shakespeare bis Cervantes, vom Rila-Kloster bis zum Sonnenuntergang auf dem Roque Nublo.

Blog: www.ignaciourquijo.wordpress.com

Twitter: @nachourquijo

Übersetzung

Tom Tölle (Deutschland / USA)

Studium: Geschichte (PhD)

Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch, Holländisch, etwas Spanisch und Italienisch

Europa hat… eine unruhige Vergangenheit, eine verwirrende Gegenwart und eine leuchtende Zukunft.

Übersetzung

Anja Meunier (Deutschland)

Studium: Mathematik und Wirtschaft

Sprachen: Deutsch, Englisch, Spanisch

Europa hat… schöne Länder, interessante Leute, einen tollen Lebensstil.Und die Notwendigkeit zusammen zu halten.

500px: Anja Meunier

Author: maria

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1 Kommentar

  1. ich habe die geschichte jetzt schon mehrfach gelesen, und sie berührt mich sehr. leider weiß ich nur sehr wenig über den bosnien-krieg… in der schule haben wir das thema noch nie behandelt. ich will auf jeden fall mehr darüber herausfinden und werde mir jetzt mal ein paar bücher besorgen. danke für die geschichte hier!

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