Freiheit über alles: Andrea Petrović

“Youth is like diamonds in the sun and diamonds are forever” (Die Jugend ist wie Diamanten und Diamanten sind ewig) singen Alphaville in “Forever Young”. Ein Mädchen aus dem Balkan funkelt wie ein Diamant, obwohl sie oft von Steinen umgeben ist. Sie weigert sich dazuzugehören. Sie ist sie selbst. Trefft Andrea Petrović, die Malerin, die Musikerin, die Künstlerin.

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Das Mädchen von nebenan

Weltweit gesehen ist Serbien momentan eines der Länder mit dem höchsten “brain drain”, der Flucht der Intelligenz. Das bedeutet, dass viele junge Leute ihr eigenes Land verlassen, weil sie dort weder die Möglichkeit noch den Raum sehen, sich selbst weiterzubilden und sich, kurz gefasst, dort keine Zukunft vorstellen können. Wer bleibt hat eine wichtige und nicht immer einfache Aufgabe – seine eigene Identität aufbauen, man selbst bleiben und seine Authenzität bewahren, und dann zu leben und zu überleben. Es scheint einfach, aber das ist es nicht immer. Andrea Petrović, eine 23 Jahre alte Doktorandin in Malerei, möchte nicht aufhören, das Leben durch die rosarote Brille zu sehen die sie selbst für sich gebaut hat:

“Ich bin voller Kraft, Willen und Enthusiasmus. Ich versuche immer, in den Bereichen die mich interessieren das Unbekannte zu erkunden und die Grenze zu überschreiten, denn wenn wir uns im Unbekannten bewegen verlieren wir die Sicherheit, beginnen aber das Gefühl des Entdeckens selbst zu spüren.” sagt Andrea zu Beginn unseres Gespräches, und fügt hinzu, dass ihr Leben, so wie sie es kennt, eine wundervolle Reise ist. Gleichzeitig ist Andrea bewusst wie unsicher die Zukunft für eine Künstlerin sein kann: “Es war meine Entscheidung”, fügt sie hinzu. “Obwohl Maler in unserem Land nicht anerkannt genug sind, habe ich nie daran gezweifelt wer ich werden möchte. Als ich sehr jung war entdeckte ich meine Talente (eines davon war das Malen), und ich ließ mich von ihnen einfach durch meine Kindheit führen. Und ich lasse mich immer noch von ihnen leiten, jetzt durch mein Leben.”

Die erste Station

“Das Singen war für mich die erste Station – ein Halt, den ich selbst wählte. Ich war auf einer musischen Grundschule gewesen, spielte Geige und meldete mich dann für Gesangsunterricht an, weil ich mich in diese Richtung entwickeln und so viel Erfahrung wie möglich sammeln wollte, um mich besser und klarer ausdrücken zu können.” Andrea ist beim lokalen Publikum schon gut bekannt und ihre Auftritte in Clubs treffen auf Begeisterung. “Ich singe in einigen Bands. Auf der Bühne habe ich kein Alter-Ego. Wenn ich auftrete bin ich ich selbst. Ich drücke meine Gefühle auf äußerst ehrliche Weise aus und versuche, sie mit dem Publikum zu teilen.”

Die magische Welt der Malerei

Andreas Bedürfnis, sich auf verschiedene Weise auszudrücken führte sie zu ihrem nächsten Halt: Sie landete in der zauberhaften Welt der Malerei. “Zunächst schloss ich vor ein paar Jahren meine Schulausbildung in Kunst und Design ab, und jetzt habe ich einen Abschluss von der Malereischule an der National Academy of Arts in Novi Sad”. Die besondere Aufmerksamkeit von Freunden und Fans führte zu einer Fotoserie mit Kreisen als wiederkehrendem Thema. Andrea erklärt: “Ich habe diese Serie am Ende meines Grundstudiums der Malerei begonnen. Mein Interesse für Kreise stammt von meinem Drang, die innere Entwicklung des Menschen und sein Streben nach Harmonie und innerem Frieden zu erforschen. Es symbolisiert auch die Verbindung zur Spiritualität, und das Erkunden der Geometrie ist ebenfalls eng mit Spiritualität verknüpft.”

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Verschmelzung von spiritueller und physischer Schönheit

“Mein Ziel ist es, mich selbst durch verschiedene Kunstformen kennenzulernen, wie zum Beispiel Malen, Singen und Performance, und wenn ich die Fäden finde die all diese Kunstformen verbinden, finde ich mein wahres Ich,” sagt Andrea. Sie ist eine der Begründerinnen des Libero Theater in Novi Sad. Durch dieses Theater möchte sie die Kunst der Performance entwickeln. “Meine Lebensmission ist es, an einen Punkt zu gelangen an dem mein Name mit sehr guter Qualität assoziiert sein wird. Ich möchte in der Lage sein, von den Tätigkeiten zu leben die ich liebe,” sagt Andrea. Sowohl ihre geistigen als auch ihre körperlichen Reize haben die Aufmerksamkeit vieler Fotografen und Designer geweckt, die sie regelmäßig zu verschiedenen Veranstaltungen einladen, damit ihre Namen mit dieser Schönheit aus Novi Sad in Verbindung gebracht werden.

Photo: Predrag Filipovic

Photo: Predrag Filipovic

Mit Ausdauer zum Ziel

Ohne Zweifel lebt Andrea für die Kunst. Von der Kunst zu leben ist die Schwierigkeit dabei. Sie ist 23 Jahre alt, hat einen Abschluss in Malerei, macht bekannte Musik und Performances zu denen mehr Menschen kommen als in die Clubs passen, sie gründete in jungen Jahren ein Theater – und doch bewegt sie sich auf einem sehr unsicheren Pfad, wenn man die Zukunft von Kunst und Kultur in Serbien als Ganzes betrachtet. Andrea und ihre Kollegen, Bands oder Solisten, geben ihr Bestes um aus Novi Sad einen schöneren Ort zu machen, der die Möglichkeit bietet, Spaß zu haben und Qualitätszeit zu verbringen. Clubs in Novi Sad sind oft überfüllt, und unsere Stadt ist bekannt dafür, Tag und Nacht gleichermaßen Veranstaltungen anzubieten, die die Straßen mit Leben füllen. Manchmal reicht das Geld, das Andrea durch das Singen verdient allerdings nicht aus um all ihre Bedürfnisse abzudecken. Meist reicht es gerade für die Kleidung und die Accessoires, die sie benötigt um aus ihrer nächsten Performance das meiste herauszuholen. Trotzdem ist das kein Hindernis für sie: “Der Zustand der Kultur in Serbien bereitet die Leute darauf vor, ums Überleben zu kämpfen. Grenzen müssen überwunden werden, aber wenn man mit dem Druck umgehen kann, kann man den Pfad zu neuem Wissen gehen. Die Erfolgschancen sind nicht dieselben wie in der EU, aber wenn man ausdauernd und fleißig ist und auf dem richtigen Weg bleibt, kann man sein Ziel trotzdem erreichen,” sagt Andrea.

Photo: Marija Mandic and Marija Kovac_for designer Dejan Kovacevic

Photo: Marija Mandic and Marija Kovac for designer Dejan Kovacevic

“Natürlich gab es Momente, in denen ich mich gefragt habe wo das alles hinführt und was ich erwarten sollte, aber selbst wenn mir klar war, dass ich unbekannte Pfade gehe und dass ich mein Schicksal in Serbien meiner Liebe zur Kunst anvertraue, habe ich mich nicht besonders darum gekümmert oder zuviel darüber nachgedacht. Mir begegnen Hindernisse die andere vielleicht schrecklich fänden, aber aus irgendeinem Grund finde ich sie nicht schrecklich. Ich habe mich davon überzeugt, dass Hindernisse überhaupt nicht schrecklich sind. So bin ich nun einmal, und das ist der Weg den ich für mich gewählt habe,” sagt Andrea. Als sie damit begann, ihre Persönlichkeit zu entdecken und ihre Wesensart zu entwickeln, war es für sie schwierig auf Verständnis bei den Menschen zu stoßen die ihr am Herzen lagen.

“Natürlich waren meine Eltern besorgt, und ich denke, dass sie mich am Anfang auch gar nicht verstanden. Von der Kunst zu leben ist für viele eine sehr riskante Entscheidung, aber ich möchte das tun was ich wirklich liebe. Ich glaube daran, dass ich Künstlerin sein kann und gleichzeitig in der Lage, gut zu leben. Kurz gesagt, so bin ich und das ist meine Art zu leben”.

Photo: Marija Mandic and Marija Kovac for designers Tijana and Mila Popovic

Photo: Marija Mandic and Marija Kovac for designers Tijana and Mila Popovic

Andrea hat ihr bildnerisches Talent von ihrem Vater geerbt, der trotz seiner anderen Verpflichtungen immer noch die Zeit findet, großartige Bilder zu malen die ihr Zuhause schmücken. Die Wände bei Familie Petrović werden auch von einigen von Andreas Werken geziert. Eines Tages werden ihre Bilder auch die Wände anderer Leute sehen. Vielleicht nicht die Bilder, die sie gerade malt, aber manch andere mit Sicherheit. Manchmal ist es sogar besser, mit den Dornen kämpfen zu müssen um die Rose zu bekommen. Auf dem Weg sammelt man Erfahrungen die einem in der Zukunft helfen werden.

Und Andrea? Sie rief mich letztens an, um mir zu berichten, dass sie 75 Kilometer auf dem Fahrrad von Novi Sad nach Belgrad ohne Pause gefahren war. Ich fragte sie: “Aber Andrea… Wie?” Ich kenne sie seit 15 Jahren und habe sie niemals auf einem Fahrrad gesehen. “Es ist einfach,” sagte sie lachend. “Du fährst einfach und nach einer Weile, auch wenn du müde bist, spürst du den Schmerz nicht mehr. Du fährst weiter.” Das ist also Andrea Petrović.

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Author

Igor Besermenji (Serbien) Studium/Arbeit: Politologe, Kolumnist, TV-Moderator Sprachen: Serbisch, Kroatisch, Englisch und Spanisch Europa ist… under Zuhause. Das Spiegelbild von dem was wir sind, was wir fühlen und was wir tun. Kolumnist bei: www.autonomija.info Twitter: @IgorBesermenji

Übersetzung

Luzie Gerb (Deutschland)

Studium: Kunstgeschichte, Kunsterziehung und Vergleichende Kulturwissenschaft

Sprachen: Deutsch, Englisch, Schwedisch, Französisch

Europa ist… voller magischer Orte, interessanter Menschen und ihren Geschichten.

Korrektur

Anja Meunier (Deutschland)

Studium: Mathematik und Wirtschaft

Sprachen: Deutsch, Englisch, Spanisch

Europa hat… schöne Länder, interessante Leute, einen tollen Lebensstil. Und die Notwendigkeit zusammen zu halten.

 

 

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Author: maria

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