“Was willst du studieren?” oder “Was willst du nach der Schule machen?” – Porträt eines kulturellen Unterschiedes

Nach dem Schulabschluss mag das Studium in Ländern wie Spanien wie der logische und sogar einzig mögliche nächste Schritt erscheinen. In anderen Ländern, beispielsweise Deutschland, ist es jedoch eine beliebte Alternative geworden, ein Gap Year zu machen. Diesen kulturellen Unterschied zeigen die zwei Fragen: “Was willst du studieren?” oder “Was willst du nach der Schule machen?” Anhand seiner Erasmus-Erfahrung erklärt die Autorin den Unterschied.

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“Hast du dich schon für einen Studiengang entschieden?” Das ist die häufigste Frage, der ein spanischer Schüler der Oberstufe fast täglich begegnet. In dieser scheinbar unschuldigen Frage verbirgt sich eine Falle. Es wird angenommen, dass man nach der Schule direkt anfangen muss zu studieren, und zwar wenn möglich in seiner Heimatstadt.

Es spielt keine Rolle, ob du schon eine ziemlich genaue Vorstellung davon hast, was du in deinem Leben machen möchtest, oder noch überhaupt keine. Die sogenannten “Gap-Years” oder Sabbat-Jahre hält man in unserer Gesellschaft für Zeitverschwendung. Ein Jahr lang zu arbeiten, Freiwilligenarbeit zu leisten oder zu reisen um Sprachen zu lernen und den Horizont zu erweitern wird als unwiederbringlicher Zeitverlust wahrgenommen.

Diesselbe Situation findet man nicht nur in Spanien, sondern auch in anderen mediterranen Ländern, vor allem dort, wo die Familie einen hohen Stellenwert hat und wo es in der Vergangenheit nicht viele Möglichkeiten für eine Hochschulausbildung gab.

Die Tatsache, dass es in diesen Ländern nicht einmal in Erwägung gezogen wird, nach der Schule etwas anderes zu machen als sofort zu studieren, hat einen großen Teil dazu beigetragen, dass viele unserer Studenten sich an der Universität etwas verloren fühlen: weil sie tun “was von ihnen erwartet wird”, gefangen in einem Studiengang, der ihnen nicht gefällt und den sie unter dem Druck gewählt haben, “etwas Nützliches” zu tun.

Als ich ein Erasmus-Semester in Deutschland machte (auch das Erasmus-Programm wird in Spanien kritisch betrachtet), fiel es mir daher schwer, meinen deutschen Mitbewohnern klarzumachen, dass es in meinem Land ganz normal ist, direkt nach der Schule mit dem Studium anzufangen. “Wie kannst du mit 20 schon mitten im Studium sein? Ich bin älter als du und fange gerade erst an!”, sagte einer von ihnen als wir uns kennenlernten. Fragen dieser Art wurden typisch, wenn ich neue Leute traf.

Der anfängliche Schock führte zu tieferen Fragen: “Wie ist es möglich, dass junge Menschen schon mit 17 oder 18 ihre Zukunft festlegen müssen, bevor sie die Welt richtig erlebt oder erkundet haben?”

All meine Mitbewohner hatten vor dem Studium schon mindestens ein Gap Year eingelegt, und sie waren nur ein Beispiel für die Situation in Deutschland. Während ich dort war, traf ich eine Menge Deutsche, die Spanisch sprachen, und die meisten hatten es während ihrem freiwilligen sozialen Jahr in Ländern wie Chile oder Mexiko gelernt. Andere waren um die Welt gereist oder hatten gearbeitet, um in den verschiedensten Bereichen Erfahrung zu sammeln. Die Frage, die einem dort gestellt wird wenn man die letzten Schuljahre absolviert, ist eine ganz andere: “Was willst du nach der Schule machen?” Das lässt einem deutlich mehr Möglichkeiten. Und so läuft es nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern wie den Niederlanden oder vor allem auch in Großbritannien.

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Es scheint einen interessanten kulturellen Unterschied in Auffassung und Handhabung von höherer Bildung zu geben. Das “Gap Year”, das im englischen Sprachraum aus der kulturellen Revolution der 60er Jahre hervorging, fand leichter Eingang in die deutsche oder niederländische Mentalität, als in die spanische oder portugiesische. Das könnte daran liegen, dass man – zumindest in Deutschland – bereits daran gewöhnt war, etwas später mit dem Studium zu beginnen, weil das Gymnasium dort länger dauerte (13 Jahre statt 12 wie bei uns in Spanien). Außerdem waren bis 2011 Militär- oder Zivildienst verpflichtend, sodass es nichts Ungewöhnliches oder Seltsames war, vor der Universität noch etwas anderes zu machen.

Ich muss zugeben, als ich in Deutschland ankam (vielleicht etwas von dem Gedanken verblendet, dass alles Fremde besser ist), war ich überwältigt von den dortigen Möglichkeiten, zwischen viel mehr Optionen und Wegen zu wählen, seinen eigenen Weg zu finden ohne dadurch als unverantwortlich zu gelten. Viele meiner deutschen Freunde studierten letztendlich etwas ganz anderes als sie ursprünglich angefangen hatten (von Geschichte zu Medizin, oder von Kulturmanagement zu Grundschullehramt) und Reisen war für sie nicht nur etwas, was man vor dem Studium machte: Kanada, England, Südafrika und Chile waren die Reiseziele für das nächste Semester, und dabei spreche ich nur von meinen Mitbewohnern.

Während unserer Gespräche gaben jedoch einige zu, dass es in Deutschland eine gewisse Erwartung gibt, ins Ausland zu gehen, oder zumindest ein Semester in einem anderen Land zu machen und nicht sofort nach der Schule mit dem Studium zu beginnen. Wir werden als Studenten scheinbar überall unter Druck gesetzt, auch wenn der Grund dafür gegensätzliche Erwartungen sein mögen.

Die Lösung wäre, unabhängig von deinem Land, das zu wählen, was am besten zu dir passt. Aber um dorthin zu gelangen, braucht man die nötigen Mittel und institutionelle Unterstützung, und das ist nicht überall möglich. Trotz der verschiedenen Bildungssysteme und Traditionen sollten wir uns zu einem Punkt weiterentwickeln, an dem jeder einzelne die Möglichkeit hat, den Weg einzuschlagen der ihn glücklich macht.

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Autorin

Soledad Román Pérez-Moreira (Spanien)

Studium/Arbeit: Jura und Politik und Verwaltungswissenschaften

Sprachen: Spanisch, Englisch, Französisch, Deutsch und etwas Italienisch

Europa ist… ein multikultureller Traum der erst noch umgesetzt werden muss.

Twitter: @dadelosnamor

Blog: http://sromper.blogspot.de

Übersetzung

Luzie Gerb (Deutschland)

Studium: Kunstgeschichte, Kunsterziehung und Vergleichende Kulturwissenschaft

Sprachen: Deutsch, Englisch, Schwedisch, Französisch

Europa ist… voller magischer Orte, interessanter Menschen und ihren Geschichten.

Korrektur

Anja Meunier (Deutschland)

Studium: Mathematik und Wirtschaft

Sprachen: Deutsch, Englisch, Spanisch

Europa hat… schöne Länder, interessante Leute, einen tollen Lebensstil. Und die Notwendigkeit zusammen zu halten.

500px: Anja Meunier

Author: mariana

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