Willkommen in Ingrid Paradise!

Antoine und Julie, zwei zwanzigjährige Studenten aus Frankreich, haben ihr ‘Arbeitspraktikum’ in einem indischen Waisenhaus absolviert, wo sie Mädchen trafen, die um eine Ausbildung für eine bessere Zukunft kämpfen. Die beiden haben versucht, sie den Sommer über zu ermutigen und zu unterhalten.

Es gibt wenig junge Franzosen, die vor dem Studium die Welt bereisen. Ein Sabbatjahr (Gap Year) nach dem Schulabschluss zu machen, ist sogar ungewöhnlich in Frankreich, aber dank Pfadfinderbewegungen, Erasmus und Praktika im Ausland können manche von ihnen – so wie Julie und Antoine – reisen und die Welt entdecken.

Wir haben sie getroffen, als sie von ihrem Aufenthalt in “Ingrid Paradise” in Siruguppa im Bundesstaat Karnataka nahe Hyderabad, Südwestindien zurückkamen. Wir haben ihnen ein paar Fragen gestellt.

Antoine und Julie in traditioneller Kleidung

Antoine und Julie in traditioneller Kleidung

Warum seid ihr beide in ein Waisenhaus für Mädchen gegangen?

Wir sind Freunde und wir beide hatten den Wunsch, zu reisen und unseren Mitmenschen zu helfen. Letztes Jahr haben wir dank der “Scouts et Guides de France”, unserer Pfadfinderorganisation, unabhängig voneinander für ein paar Wochen in den Sommerferien bei einem selbstfinanzierten humanitären Projekt mitgemacht. Weil im Rahmen unserer Studiengänge an Julies Handelsschule und Antoines Informatikschule ein obligatorisches Arbeitspraktikum vorgegeben ist, haben wir uns entschieden, ein ähnliches Projekt zu finden.

Warum gerade “Ingrid Paradise”?

Da wir mit jedem Zielort einverstanden waren, hat sich unsere Suche auf einen Platz konzentriert, wo wir mit Kindern in schwierigen Lebensumständen arbeiten konnten. Wir haben nach großen Hilfsorganisationen von der Mongolei bis zu den Philippinen und auch in Indien gesucht. Nepal war unser ursprüngliches Ziel, aber leider hat das Erdbeben das Gebäude der Organisation zerstört, bei der wir wohnen sollten und wir waren dort nicht mehr willkommen. Schließlich haben wir bei einem indischen Kulturevent in unserer Heimatstadt von SIWOL gehört, einer Organisation, die dieses indische Waisenhaus namens “Ingrid Neeva Jeevana” oder “Ingrid Paradise” unterstützt. Ingrid ist der Name der deutschen Adoptivmutter von Prema Kundargi, der Besitzerin des Waisenhaus, die selbst Waise war.

Prêtes pour l’école !

Fertig für die Schule

Erzählt doch ein bisschen mehr über SIWOL und dieses Waisenhaus.

SIWOL – Support Indian Women’s Life – ist eine französische Organisation, die von einem französischen Studenten des “Sciences Po” (Institut für Politikwissenschaft) gegründet wurde, der ein Jahr in Indien verbracht hatte. Heute wird SIWOL von fünf Mitgliedern geleitet. Die Organisation sammelt Spenden und schickt Freiwillige zu dem Waisenhaus. Sie versucht, die Franzosen über die Notlage der Frauen in Indien aufzuklären. Deshalb werden regelmäßig Kulturabende und Präsentationen veranstaltet. Was das Waisenhaus angeht, nimmt dieses Waisenkinder aus Familien von “traditionellen” Prostituierten auf, “devadasi” genannt, deren Mütter verstorben oder an AIDS erkrankt sind und kümmert sich um ihre Ausbildung. Das Ziel des Waisenhauses ist es, den Waisen Obdach, medizinische Versorgung und hinreichend gutes Essen bereitzustellen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, zu wachsen und sich zu entfalten. Alle Waisenkinder gehen in eine Privatschule, wo der Unterricht auf Englisch ist (“English medium school”), um zu gewährleisten, dass sie eine gute Ausbildung erhalten, mit der sie eine Universität oder Berufsschule besuchen können.

Wer sind die “devadasi”?

Die “devadâsî“ – wörtlich “Dienerinnen der Gottheit” – sind Frauen, die seit ihrer Geburt einem Tempel geweiht sind. Sie werden als Gemahlinnen der Gottheit angesehen und “ewig gefällige Frauen” genannt (ihr Ehemann, ihr Gott, kann nicht sterben, so lange sie leben) und sie haben eine sexuelle Freiheit, die andere Frauen, die mit einem “Sterblichen” verheiratet sind, nicht besitzen. Wenn sie in die Pubertät kommen, wird ihre Jungfräulichkeit an einen Mann verkauft, der ihr regelmäßiger Kunde werden könnte. Dieses System führt zu religiös motivierter Prostitution; die jungen Mädchen könnten an Bordelle in den größten Städten verkauft werden. Diese Tradition wurde in den 80er Jahren offiziell verboten, existiert aber aufgrund von Armut, Traditionen (beispielsweise die schwere Belastung durch die Mitgift) und religiösen Überzeugungen weiter. Ein junges Mädchen, das sich nicht dem Tempel weiht, riskiert, die Gottheit zu verärgern und einen Fluch über ihre Familie zu bringen.

Partager le quotidien… la sieste !

Den Alltag gemeinsam erleben… zum Beispiel beim Nickerchen!

Was genau habt ihr in dem Waisenhaus gemacht?

Wir waren sechs Wochen dort. Zunächst haben wir das Waisenhaus kennengelernt und uns an den Tagesablauf gewöhnt, um geeignete Aktivitäten zu finden, die 35 Bewohner im Alter von zwei bis zwanzig Jahren unterhalten und ihnen beim Lernen helfen könnten. Wir wollten sie außerdem dazu bringen, neue geographische und kulturelle Horizonte zu entdecken, um ihr Interesse an neuen Themen und Aktivitäten, von denen sie noch nie oder kaum gehört hatten, zu animieren. Dabei haben wir ihre persönliche Situation und die relativ starke Abgeschiedenheit des Dorfs von insgesamt 52.000 Einwohnern, das weitab der großen indischen Städte lag, berücksichtigt.

Les grands jeux d’Antoine

Antoines Spiele

Wir haben uns bemüht, uns im Waisenhaus einzuleben und so oft wie möglich an täglichen Aktivitäten vom Frühstück bis zum Schlafengehen teilzunehmen. Jeden Tag haben wir ihnen bei den Hausaufgaben geholfen und versucht, ihnen verschiedene Möglichkeiten zu zeigen, ihre Aufgaben zu machen. Da wir beide dank den Pfadfindern und unserer Teilnahme an einem Training für Arbeit mit Jugendlichen über Erfahrung im Bereich soziokultureller Aktivitäten verfügen, haben wir darüber hinaus oft große Spiele im Freien und Themenabende organisiert. Wir haben Handarbeitsworkshops und Kochkurse mit einfachen Backrezpten veranstaltet und ihnen beigebracht, wie man Origami bastelt. Wir haben zwei Ausflüge organisiert: Einen in die Felder der Umgebung des Dorfs und einen zum Dorffest. Wir haben diesen Ausflug nach einigem Hin und Her mit der Besitzerin sogar selbst bezahlt.

Eine unserer Aufgaben war außerdem das Erstellen von kleinen Prospekten, von denen jedes ein weltweit bekanntes Bauwerk präsentieren sollte, damit sie den Rest der Welt entdecken können. Wir haben nämlich gemerkt, dass ihr Unterricht sich nur auf Indien und dessen geographische, wirtschaftliche und kulturelle Resourcen konzentrierte. Wir hatten Zeit dafür, weil die meisten Mädchen einen Teil des Tages in der Schule waren und wir so ein bisschen Freizeit übrig hatten, um unsere Artikel vorzubereiten.

Le pop-up de la grenouille

Frosch Pop-Up

Auf welche Probleme seid ihr gestoßen?

Zunächst einmal war es sehr heiß und wir waren die meiste Zeit müde. Das Gebiet ist recht trocken und der Monsun hatte dieses Jahr kaum für Regen gesorgt. Wir mussten uns an das sehr scharfe Essen gewöhnen, das uns am Anfang stark zum Schwitzen gebracht hat. Das ist aber mit der Zeit besser geworden. Wir haben viel Reis und Bananen gegessen, weil das Waisenhaus sich kein Fleisch und Gemüse leisten konnte, obwohl großzügige Nachbarn manchmal etwas gespendet haben. Anderes Essen war für Feste reserviert. Was die Kommunikation angeht, haben die Mädchen Englisch recht gut verstanden, da das die Unterrichtssprache war, aber sie haben es nicht oft geübt und miteinander in ihrer Muttersprache, Kannada, gesprochen. Allerdings haben wir auch Neuankömmlinge getroffen, die Englisch und Kannada lernen mussten, weil ihre Muttersprache Telougou war, die Sprache des benachbarten Bundesstaats. Bei unseren Veranstaltungen wie Spielen oder Kochkursen haben wir zuerst allen die Regeln und Rezepte erklärt und dann die älteren Mädchen gebeten, zu übersetzen, um sicherzugehen, dass alle uns verstanden hatten. Auch wenn unsere Erklärung nicht ganz verstanden wurde, konnten wir so sichergehen, dass wenisgtens alle dieselbe Botschaft bekamen.

Julie’s big games

Julies Spiele

Deshalb wurden unsere Spiele manchmal zu ihren Spielen mit ihren eigenen Regeln! Wir mussten uns anpassen und dafür sorgen, dass sie Spaß hatten. Später haben wir uns gedacht, dass es besser gewesen wäre, ihnen Beispiele statt langen Erklärungen zu geben. Leider hatten die Erwachsenen im Waisenhaus kaum Interesse an unseren Unterhaltungsaktivitäten. Natürlich ist Lernen dort viel wichtiger als Spielen. Manchmal wurden wir ohne viel Aufhebens unterbrochen, weil es Zeit zum Lernen, Abendessen, Beten oder Aufräumen war.

Wie habt ihr euch vorbereitet?

Vor allem haben wir alle Aspekte des Projekts bei der Planung berücksichtigt: Gesundheit, Sicherheit, Transport, Finanzierung, Kultur und Wissen. Als erstes haben wir uns beim medzinischen Zentrum von Air France impfen lassen und uns über mögliche Gesundheitsrisiken informiert. Danach haben wir den Aufenthalt mit unserem Lehrplan abgeglichen und uns entschieden, von Mitte Juni bis Mitte August nach Indien zu reisen. Wir haben die Tickets im März gekauft, um höhere Preise zu vermeiden. Außerdem haben wir ausgiebig mit den Leitern von SIWOL gesprochen, da diese uns mehr über das Waisenhaus erzählen konnten und wir haben uns ein paar Aktivitäten ausgedacht, die für die Waisenkinder interessant sein könnten.

Wie habt ihr das Projekt finanziert?

Durch unsere Erfahrungen bei den Pfadfindern wussten wir bereits, wie das mit der Finanzierung klappt. Wir haben uns für eine persönliche Finanzierung entschlossen: Julie hat im Sommer 2014 zwei Monate bei einer Bank gearbeitet und Antoine hat Mathenachhilfe im Gemeinschafts- und Kulturzentrum seiner Stadt gegeben sowie zweimal die Woche abends private Nachhilfe. Außerdem haben wir um einen Zuschuss vom Stadtrat in Antoines Stadt gebeten und diesen auch bekommen. Schließlich haben wir auf die Crowdfundingseite “Ulule” zurückgegriffen, wo Freunde und Familienangehörige uns Geld gegeben haben – im Austausch für das Versprechen, ihnen Geschenke aus Indien mitzubringen.

Und dann, nach der Reise …?

Wir haben so vielen Leuten wie möglich von unserem Abenteuer erzählt, um sicherzustellen, dass mindestens zwei Leute nächsten Sommer übernehmen. SIWOL ist beispielsweise bei den Pfadfindern nicht sehr bekannt und wenn wir genug darüber reden, ist es gut möglich, dass 2016 ein Gruppe Pfadfinder dorthin geht.

Was ist eure schönste Erinnerung?

Das Lächeln und die Freundlichkeit der Mädchen in dem Waisenhaus. Nach jeder Aktivität sind sie zu uns gekommen und haben uns dafür gedankt, dass wir uns um sie gekümmert und sie so gut unterhalten haben.

 

[crp]

Autorin

Danielle Kramer (Frankreich)

Studium / Arbeit: Englisch; Mitarbeit bei Organisationen, die sich die Verteilung von Büchern und Leseförderung zum Ziel gesetzt haben

Sprachen: Französisch, Englisch, Hebräisch, ein bisschen Deutsch, Russisch, Japanisch und (Neu)Griechisch

Europa ist … ein Mosaik von Sprachen und Kulturen, die immer noch darauf warten, entdeckt zu werden.

Übersetzung

Birger Niehaus (Deutschland)

Studium: Deutsch / Skandinavistik

Sprachen: Deutsch, Englisch, Schwedisch, ein bisschen Isländisch und Finnisch

Europa ist … dieses Fleckchen zwischen Alaska und Västerås.

Author: Anja

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