Eine stetig wachsende Familie: Die Gründung des European Youth Parliament in Armenien

2Jung, motiviert und bereit, die Welt zu verändern: So beschreibt man die Mitglieder des European Youth Parliament (EYP) von Armenien wohl am besten. Hovsep Patvakanyan, Vorsitzender und Gründer des EYP Armenia, hat uns von seinen Erfahrungen bei der Gründung dieser außergewöhnlichen Jugendorganisation erzählt sowie von den wunderbaren Ideen, die dank der Anstrengungen der Mitglieder verwirklicht wurden.

2012 fanden Hovsep, ein netter und freundlicher Kerl mit dunklem Haar und dunklen Augen, und ein Freund, dass es Zeit wäre, ein bisschen frischen Wind in die außerschulische Bildungswelt Armeniens zu bringen. Sie wollten einen Weg finden, die Armenier zu ermuntern, besser informierte und verantwortungsvollere Bürger zu werden. Als sie von einer Bildungsplattform des EYP erfuhren, die in 35 europäischen Ländern existiert, beschlossen sie, umfassend über die legalen und logistischen Aspekte der Gründung eines Ablegers in Armenien nachzudenken. Um dieses Ziel zu erreichen, nahmen sie zunächst an ein paar Sitzungen im Ausland teil, damit sie einen besseren Einblick in die Abläufe einer EYP-Sitzung gewinnen konnten. Danach hatten sie mehrere Meetings mit den Mitgliedern des Verwaltungsrats, um das Fundament für eine vollwertige Mitgliedschaft Armeniens im EYP-Netzwerk zu legen. Dadurch wurde der Aufnahmeprozess initiiert und ein Entwicklungsplan für das folgende Jahr ausgearbeitet. Das EYP Armenia startete mit gerade einmal fünf Leuten, aber die kämpften für dessen Erfolg und hatten eine klare Vorstellung davon, wo sie in einem Jahr stehen wollten. Immer mehr und mehr Menschen engagierten sich und am 14. Dezember 2012 erhielten sie schließlich die vollwertige Mitgliedschaft.

“Es ist nicht einfach, Teil des EYP zu werden, aber es ist die harte Arbeit auf jeden Fall wert, weil du so viel gleichzeitig mitnimmst und lernst. Das ist eine Bedingung für jeden, der etwas in unserer Welt verändern will. Als paneuropäisches Netzwerk ermuntert das EYP seine Mitglieder zur Teilnahme an internationalen Veranstaltungen und deshalb werden zumindest Grundkenntnisse in Englisch gefordert. Um mitmachen zu dürfen muss man zwischen 14 und 30 Jahren alt sein; geographischen Einschränkungen gibt es eigentlich nicht. Das EYP sucht dabei – und das ist am wichtigsten – immer nach Leuten, die kritisch und kreativ über Angelegenheiten in ihrem Land und in ganz Europa nachdenken können”, erklärt Hovsep.

Aber selbst, wenn man älter als 30 ist, kann man sich einbringen. “Wenn wir Delegationen von Schülern aus Armenien zu internationalen Sitzungen schicken, kannst du deren Begleitperson werden. Und wenn du ein Experte in einem bestimmten Bereich bist, laden wir dich gerne als Gastredner in eines unserer Komitees ein, so dass du deine Erfahrung mit uns teilen kannst”, sagt Hovsep.

Das unabhängige Bildungsprojekt, das auf die Bedürfnisse junger europäischer und armenischer Bürger zugeschnitten ist, ermuntert junge Menschen dazu, eigenständig zu denken und gesellschaftspolitisch die Initiative zu ergreifen und es erleichtert das Lernen wichtiger sozialer und beruflicher Fertigkeiten wie zum Beispiel interkulturelle Kommunikation und Teamwork. Seit seiner Gründung 1987 haben Millionen junger Leute an regionalen, nationalen und internationalen Sitzungen teilgenommen, Freundschaften geschlossen und über alle Grenzen hinweg internationale Kontakte geknüpft. Heute ist das EYP eine der größten europäischen Plattformen für politische Debatten, interkulturelle Begegnungen, politische Bildungsarbeit und den Ideenaustausch zwischen jungen Leuten in Europa. Das EYP besteht aus einem Netzwerk von 35 europäischen Verbänden und Organisationen, in denen sich tausende junge Leute freiwillig engagieren.

Gerade einmal vier Jahre nach Beginn des Projekts ist das EYP Armenia zur größten Jugendorganisation des Landes geworden, mit einer Beteiligung von 3600 jungen Menschen auf Schul-, Universitäts- und Absolventenniveau in zehn armenischen Regionen. Die Organisation versucht, ein ausgeglichenes Ehemaligen-Netzwerk zu schaffen, obwohl nach Hovseps Beobachtungen 65% der armenischen Ehemaligen Frauen und nur 35% Männer sind. Er erzählt auch, dass die Lage in Deutschland, Italien und einigen anderen EYP-Vertretungen ganz anders ist, wo eher Männer den Hauptteil der Ehemaligen ausmachen.

Nach Hovsep gibt es zwei Hauptunterschiede zu anderen Projekten. Im Gegensatz zu anderen Organisationen sind EYP-Foren keine einmaligen Ereignisse. Jeder Teilnehmer einer EYP-Sitzung wird automatisch Ehemaliger und erhält einen Code, um sich auf der Ehemaligen-Plattform des EYP zu registrieren, wo sich Millionen Ehemalige in ganz Europa seit der Gründung des EYP 1987 registriert haben. Abgesehen davon, dass sie sich hier mit Gleichgesinnten in Europa austauschen können, erhalten sie Zugang zu einer Datenbank von rund 400 EYP-Events pro Jahr, die von verschiedenen EYP-Ablegern in ihren jeweiligen Heimatländern organisiert werden. “Auf diese Weise eröffnet die Teilnahme an einem lokalen Event viele Möglichkeiten, sowohl im Heimatland als auch im Ausland”, sagt er.

Der zweite Punkt, der das EYP besonders macht, ist das Prinzip, dass “nichts auf dem Papier bleiben soll”. Alle vom Forum gefassten Beschlüsse werden als Empfehlungen an die entsprechenden Institutionen gesandt und zur Diskussion vorgelegt. Hovsep kann mit Stolz berichten, dass “in dieser Hinsicht eine sehr erfolgreiche Zusammenarbeit mit den Stadtverwaltungen von Dilijan, Yerevan und Gyumri, der Armenischen Zentralbank, dem Armenischen Wirtschaftsministerium und anderen eingeleitet worden ist.” Die Beschlüsse, die europäische Angelegenheiten betreffen, werden jeweils an die Europäische Kommission, das Europaparlament und andere Institutionen versandt.

Für Hovsep gibt es aber noch einen weiteren wichtigen Unterschied. “Was das EYP für mich so besonders macht, ist die familiäre Stimmung. Jeder lernt jeden kennen durch die informellen Ehemaligen-Treffen, die monatlich in Tsakhkadzor, Dilijan, Artsakh und anderen Städten stattfinden. Ich persönlich kenne jeden dieser 3600 Menschen mit Vornamen, ich weiß, womit sie sich beschäftigen, worin sie sich spezialisieren und wie sie einander nützlich sein können. Ist es nicht gerade diese Synergie, die wir brauchen, um eine bessere und verantwortungsvollere Zukunft für unser Land zu schaffen?”

Hovsep spricht außerdem über zukünftige Pläne und betont die Bedeutung des Entwicklungsplans für 2016/2017, der vor allem mehr Sitzungen in weiterführenden Schulen in allen Regionen Armeniens vorsieht. Die besten Teilnehmer dieser Schulen werden dann ins Ausland geschickt, um Erfahrungen auszutauschen.

“Für junge Menschen ist das nicht nur eine Gelegenheit, sich Gehör zu verschaffen, sondern auch, sich tatsächlich mit Parlamentsabgeordneten europäischer Institutionen zu treffen, an einen Tisch zu setzen und bestimmte Angelegenheiten zu diskutieren, ihre Meinung zu äußern und ein Teil des Entscheidungsprozesses zu werden. Darüber hinaus ist es für die meisten eine Erfahrung, die ihr Leben verändert, da sie Gleichgesinnte aus über 40 Ländern treffen, deren Kulturen kennenlernen und die Grenzen schulischer Bildung – besonders nach armenischen Verhältnissen – aufbrechen”, erklärt Hovsep.

Befragt nach den größten Herausforderungen für junge Menschen in Armenien, antwortet er: “Einerseits gibt es diese Mentalität unter jungen Menschen, mit dem Ausgangspunkt ‘alles ist schlecht’ und der Annahme, dass man nichts im Land verändern könne. Andererseits ist da das praxisferne Wissen, das sie in Universitäten und Schulen vermittelt bekommen. Das führt dazu, dass Studenten nicht wettbewerbsfähig sind, wenn sie einen Abschluss machen und zum ersten Mal in den Arbeitsmarkt eintreten, was wiederum eine große Abwanderung von Ungelernten zur Folge hat.”

Deshalb bemühen sich die Mitglieder des EYP Armenia vor allem, die Botschaft “Dieses Land hat eine strahlende Zukunft” an junge Leute zu vermitteln. Hovsep sagt: “Diese Botschaft ist unser Ausgangspunkt, sie wird nicht hinterfragt oder bestritten, wir sehen sie als gegeben an.” Wenn man das einmal akzeptiert hat, wird die Botschaft Schritt für Schritt umgesetzt durch die Fertigkeiten, die man bei EYP-Foren und ihren völlig neuen Möglichkeiten der Teilhabe an Entscheidungsprozessen erlangt. Hovsep meint, dass es auf eine geistige Neuorientierung ankommt. “Das ist die Wirklichkeit, an der wir all diese Jahre gearbeitet haben und die erweist sich als Erfolg.”

Das European Youth Parliament versucht, wichtige Veränderungen zur Verbreitung eines Bürgerbewusstseins anzustoßen und hat dies auch bereits erfolgreich getan. Hovsep träumt von einer Zeit, in der junge Menschen nicht mehr sagen werden, sie seien stolz auf Armenien wegen dessen Geschichte oder Kultur. “Wie kann man stolz auf etwas sein, das einem mit der Geburt zufällt?”, fragt er. Er hofft, dass die Leute durch das EYP eines Tages lernen werden, auf Armenien wegen dessen starker Institutionen, der Wahrung des Rechts und seiner transparenten Regierung stolz zu sein.

[crp]

Autorin

Kushane Chobanyan (Armenien)

Arbeit: Radiojournalistin beim Öffentlichen Radio Armenien

Sprachen: Armenisch, Russisch, Englisch, Französisch (Anfängerin)

Europa ist… ein Gefühl, kein Ort.

Übersetzung

Birger Niehaus (Deutschland)

Studium: Deutsch / Skandinavistik

Sprachen: Deutsch, Englisch, Schwedisch, ein bisschen Isländisch und Finnisch

Europa ist … dieses Fleckchen zwischen Alaska und Västerås.

Korrektur

Anja Meunier (Deutschland)

Studium: Mathematik und Wirtschaft

Sprachen: Deutsch, Englisch, Spanisch

Europa hat… schöne Länder, interessante Leute, einen tollen Lebensstil. Und die Notwendigkeit zusammen zu halten.

500px: Anja Meunier

Author: Anja

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