Meine Interrail-Reise mit #DiscoverEU

Ich gehörte diesen Sommer zu den 15 000 glücklichen Europäer*innen im Alter von 18 Jahren, die im Rahmen des von der EU-Kommission organisierten Wettbewerbs einen Interrail-Pass erhalten haben. Hier erzähle ich euch von dieser Erfahrung, von meinen schönen Entdeckungen und von meinem Ärger mit diesem eindrucksvollen PR-Coup der EU.

By Elise Magne / 31.10.2018

Der Wettbewerb #DiscoverEU

12 Millionen Euro: So groß war das Budget, das die EU-Kommission für den ambitionierten Wettbewerb bereitgestellt hatte, der Anfang Juni 2018 ins Leben gerufen wurde und alle europäischen Bürger*innen ansprach, die am 1. Juli 2018 18 Jahre alt sein würden. Sein Ziel: Es Jugendlichen, die nicht unbedingt schon einmal verreist waren oder hatten verreisen können, zu ermöglichen, mehrere europäische Länder zu entdecken und dabei Einheimische kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen.

Woman with European flag

Split, Kroatien. Foto: Clara Vignères

Laut Manfred Weber, Europa-Abgeordneter und Vorsitzender der Fraktion der Europäischen Volkspartei (Christdemokraten), geht es bei Europa nicht nur um technokratische Politik, sondern auch darum, Menschen zusammen zu bringen. Man müsse junge Menschen wieder für Europa begeistern. Ein ehrenhaftes Ziel also.

Nichtsdestotrotz gibt es auch Gegenwind. Die ausgewählten Jugendlichen verpflichten sich, DiscoverEU-Botschafter*innen zu werden, d.h. regelmäßig in sozialen Netzwerken mit dem Hashtag #DiscoverEU ihre Erlebnisse zu teilen, die europäischen Institutionen zu nennen, also, kurz gesagt, für die EU zu missionieren. Allerdings gibt es keine richtige Verpflichtung, sich an diese Regeln zu halten, und man kann sich bei der Registrierung sogar dafür entscheiden, seine Kontaktdaten für sich zu behalten, um nicht erneut kontaktiert zu werden.

Ein PR-Coup mit Schwachstelle Kommunikation

Was die endgültige Registrierung anging, so mussten für diese erste Ausgabe von #DiscoverEU viele Unstimmigkeiten und Störungen behoben werden, z.B. die Verzögerung zwischen dem Erhalt der E-Mail, die Ende Juni die Gewinner*innen verkündete, und der E-Mail, die dazu aufforderte, die eigene Registrierung zu bestätigen, um die wertvollen Pässe zu erhalten, und die in meinem Fall Mitte Juli kam. Eigentlich hatte ich einen Monat fahren wollen, musste deswegen dann jedoch meine Reise verkürzen.

Außerdem hatten wir bei der Registrierung die Wahl zwischen mehreren Optionen: festgelegt oder flexibel, alleine oder mit einer Gruppe. Das Problem war, dass wir in der Flut an Informationen, die wir von verschiedenen und offensichtlich nicht einheitlich informierten Verantwortlichen erhielten, untergingen, und nicht wirklich über die Vor- und Nachteile (z.B. die Zahlung zusätzlich anfallender Kosten oder technische Modalitäten) der einzelnen Optionen Bescheid wussten.

Wohl die meisten von uns haben sich sozusagen blind ins Abenteuer gestürzt. Verbunden waren wir dabei alle über ein Schlüsselelement, das die Kommission eingerichtet hatte und verwaltete: die Facebook-Gruppe #DiscoverEU, in der sich die Gewinner*innen aus den 28 Ländern zusammenfanden, um sich mit den anderen über ihre Schwierigkeiten und Entdeckungen auszutauschen und sich sogar auf ihren jeweiligen Reisen zu treffen.

Eine einzigartige Gelegenheit…

Ich hatte mich zusammen mit drei Freunden angemeldet und wir waren zusammen als Empfänger der besagten Interrail-Pässe ausgewählt worden. Vom 22. Juli bis zum 5. August reisten wir zwei Wochen mit dem flexiblen Pass. Obwohl die Regeln des Wettbewerbs es vorsahen, dass man ein bis maximal vier Länder bereiste, stellten wir fest, dass es uns der Flexi-Pass ermöglichte, mehr von diesen Ländern zu sehen. Der Pass im Wert von 255€ erlaubt es einem, innerhalb eines Monats an sieben Tagen mit dem Zug zu reisen und das in den 30 Interrail-Partnerländern. Von Toulouse aus haben wir so Genf, Mailand, Rijeka, Split, Zagreb, Ljubljana, Budapest und Wien besichtigen können, wo wir jeweils einen Aufenthalt hatten – manchmal weniger als 24 Stunden, manchmal ganze drei Tage.

Train with graffiti

Ogulin, Kroatien. Foto: Clara Vignères

Es stimmt schon, dass wir viel Zeit in Verkehrsmitteln verbracht haben. Die Etappen waren manchmal bis zu 15 Stunden lang, aber der große Vorteil des Zugs ist, dass er es einem erlaubt, Länder auf eine neuartige Weise zu entdecken: Er taucht in abgelegene Gebiete ein und lässt atemberaubende Landschaften erscheinen. Außerdem hatten wir uns auf den längsten Etappen für Nachtzüge entschieden, was es uns ermöglichte, unsere Schlafzeit rentabel zu machen und Geld für eine Übernachtung zu sparen.

Man darf natürlich nicht erwarten, unter besten Bedingungen zu schlafen, vor allem dann nicht, wenn man nicht die für die Reservierung eines Platzes im Liegewagen notwendigen 30 oder 40 € bezahlt hat. Dies kann allerdings zu einigen neuartigen Begegnungen mit anderen Passagieren oder auch zu lebhaften Diskussionen mit slowenischen Schaffnern führen.

Im Übrigen beinhalten die Fahrten teilweise ziemlich hirnrissige Anschlüsse. Nach Einbruch der Dunkelheit an einem Bahnhof im verlassenen Hinterland Kroatiens auszusteigen, dort fünf Stunden lang auf den nächsten Zug zu warten und neben einem Obdachlosen Karten zu spielen, gehört zu diesen neuartigen, aber vor allem unvergesslichen Situationen.

Auf eine Interrail-Reise zu gehen ist meiner Meinung nach eine Erfahrung, die jede*r mindestens einmal im Leben gemacht haben sollte, denn, anders als wenn man banal mit dem Flugzeug reist und im Hotel übernachtet, zwingt eine solche Reise uns dazu, auf den anderen zuzugehen, Unvorhergesehenes selbst zu bewältigen, weniger touristische Orte zu besichtigen und schließlich Europa von einer ganz anderen Seite kennenzulernen. Was den Entschluss der EU-Kommission angeht, ausschließlich Teilnehmer*innen im Alter von 18 Jahren auszuwählen, so finde ich, dass eine solche Erfahrung in Sachen Selbstständigkeit ein ungeheures Sprungbrett in Richtung Erwachsenenleben ist.

… der Aspekt der Erschwinglichkeit muss jedoch relativiert werden

Nichtsdestotrotz erscheint es mir notwendig, den Aspekt der Erschwinglichkeit, der im Rahmen des Wettbewerbs von der Europäischen Union in den Vordergrund gestellt worden ist, zu relativieren. Auch wenn die Fortbewegung oft den größten Teil des Budgets einer solchen Reise ausmacht, sollten die Unterbringung und Verpflegung nicht ignoriert werden.

Auch wenn man sich immer für die unterste Preiskategorie entscheidet, muss man für eine Woche im Ausland mit 150 bis 300€ an Kosten rechnen. Auch wenn dies vielleicht einigen spottbillig erscheint, ist es das nicht immer für eine*n Abiturient*in oder Student*in. Da kann das Ticket schnell mehr Fluch als Segen sein, wenn sich die notwendigen Ausgaben häufen, vor allem dann, wenn man gezwungen ist, Sitzplatzreservierungen vorzunehmen, die der Interrail-Pass nicht abdeckt. Mit 20€ pro Reservierung muss man da rechnen. Angesichts dieser zusätzlichen Kosten haben viele Gewinner*innen in der Facebook-Gruppe ihre Enttäuschung ausgedrückt.

Das Programm #DiscoverEU hat es mir ermöglicht, ein Europa ohne Grenzen konkret anhand seines Reliefs, seiner Sprachen, Währungen, Einwohner*innen und deren Gebräuchen zu veranschaulichen. Es hat mein Bild der EU bestätigt, in dem die EU im Geld schwimmt, aber unter der Unwissenheit ihrer Bürger*innen leidet. Diese Unwissenheit wird von der schlechten Kommunikation der Union und ihrer Schwierigkeit, mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen, aufrechterhalten. Trotzdem fehlt es der EU erheblich an konkreten Initiativen wie dieser, um ihr oberstes Ziel zu erreichen und die Europäer*innen zu vereinigen.

Dieser Artikel wurde zuerst bei treffpunkteuropa.de veröffentlicht. treffpunkteuropa.de ist das Magazin der Jungen Europäischen Föderalisten. Die dort erscheinenden Inhalte werden auch in französischer, spanischer, englischer und italienischer Sprache veröffentlicht.

Autorin

Elise Magne (Frankreich)

Übersetzung

Annika Klein (Deutschland)

Der Artikel ist auch in English, Français, Polski und [Main Site] verfügbar.

Author: Anja

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