Vier Blickwinkel auf eine Realität: Die Homosexualität in Russland

Wir haben mit Andrey Glushkó, der nach Spanien umzog, um in “Freiheit” zu leben, mit seiner Freundin Anastasiya Belickaya, mit der jungen Politologin Nina Ivanova und mit dem Korrespondent der spanischen Zeitung ‘El Mundo’ in Moskau gesprochen, um herauszufinden, warum 74 Prozent der Russen Homosexualität nicht in der Gesellschaft akzeptieren.

Russland und Spanien befinden sich an den geografischen Extremen Europas: Nordosten und Südwesten. Russlands Grenzen stoßen an Asien, Spaniens an Afrika. Eine enorme geografische Trennung, die dennoch eine funktionierende Beziehung zwischen den beiden Ländern nicht behindert.

Doch trotz der Gemeinsamkeiten kann man zwischen den beiden Staaten große soziopolitische Unterschiede finden. Das Pew Research Center brachte dies mit einer einfachen Frage zur Sprache: “Sollte die Gesellschaft Homosexualität akzeptieren?”. 88 Prozent der Spanier antworteten mit “ja”, das ist weltweit die höchste Akzeptanzquote. 74 Prozent der Russen antworteten mit “nein”, die niedrigste Quote Europas.

Die Ergebnisse dieser Studie spiegeln sich auch in der Gesetzgebung beider Länder wider. In Spanien können homosexuelle Paare seit dem Jahr 2005 heiraten, mit den gleichen Rechten und Pflichten wie heterosexuelle. In Russland hingegen sind weder Hochzeiten zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren in den Gesetzen verankert, noch existiert, nach Informationen des BBC, ein Gesetz gegen die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung.

Zusätzlich wurde in Russland vor kurzem ein nationales Gesetz verabschiedet, welches es erlaubt, gegen jeden, der unter Kindern und Jugendlichen “nicht-traditionelle sexuelle Orientierungen” oder “die Idee, dass traditionelle und nicht-traditionelle sexuelle Orientierungen den gleichen sozialen Wert hätten”, verbreitet, Strafen zu verhängen.

“Obwohl das Gesetz so aussieht, als ob es ein Mittel wäre, die Botschaft der Schwulen und Lesben von Kindern fernzuhalten, bedeutet es in der Praxis, dass Homosexuelle weder Feiern noch Proteste im öffentlichen Raum abhalten können, und auch die Medien nicht nutzen können…”. So interpretiert der Korrespondent der Zeitung El Mundo in Moskau, Xavier Colás, welchen wir für diese Reportage interviewt haben, dieses Gesetz.

In all diesen Umfragen und Gesetzen geht es um Personen und feine Unterschiede. Bei Meeting Halfway wollten wir ein vielseitiges Interview führen, mit vier Standpunkten zum gleichen Thema. Wir sprachen mit Andrey Glushko, welcher Russland wegen seiner Homosexualität verließ, Anastasiya Belickaya, die sagt, sie glaube nicht, dass alle Homosexuellen dies von Natur aus seien, mit der jungen Politologin Nina Ivanova, die dazu meint: “Die jungen Schwulen und Lesben in Russland müssen ihre sexuellen Vorlieben verstecken und können, wenn sie das nicht tun, von ‘Hooligans’ angegriffen werden”, und mit dem Korrespondenten der spanischen Zeitung El Mundo in Moskau, Xavier Colás, der sagt: “In Russland existiert die fixe Idee, dass Homosexualität mit Pädophilie verknüpft ist. Das verkompliziert die Debatte”.

Interview mit Andrey Glushkó

Andrey Glughko wurde vor 26 Jahren in Krasnodar geboren, einer Stadt im Süden Russlands mit einer Million Einwohnern, nahe dem Kaukasus. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Pjatigorsk und erklärte sich bereit, uns zu erzählen, warum er sich entschied, aus seinem Heimatland auszuwandern, um sich in Madrid niederzulassen.

Wie war dein Leben in Russland?

Ich fand es wunderbar, mir gefällt die Geschichte Russlands, seine Kultur, seine Literatur und seine Malerei… Das Kulturgut meines Landes finde ich toll, aber dort zu leben ist nicht so schön, ganz besonders für Homosexuelle. Wenn du schwul bist und ein normales und ruhiges Leben führen willst, und du in der Zukunft eine Familie möchtest, dann wirst du niemals die Freiheit dazu haben. Nie wirst du dieses ruhige Leben haben können, ein einfaches Leben, ein mehr oder weniger normales Leben.

Warum bist du gegangen?

Der springende Punkt ist, dass in Russland alles etwas schneller geht. Wenn man 22 Jahre alt ist, ist es anzunehmen, dass man schon erwachsen ist, beständig und sesshaft. In diesem Alter schauen einen die Leute komisch an, wenn man weder Frau noch Kinder hat. Ich war 22 geworden, hatte mein Studium beendet, hatte Arbeit und alles lief gut, bis ich bemerkte, dass ich mehr nicht erreichen konnte. Ich konnte keinen Partner haben und eine Familie gründen, und so trafen zwei Welten aufeinander, mein privates Leben und meine Arbeitswelt. Ich musste entscheiden, ob ich bleiben wollte, um mein Leben innerhalb dessen zu gestalten, was “normal” war, oder ob ich gehen wollte, um mir woanders ein neues Leben von Grund auf aufzubauen. Ich entschied, dass es besser sei, nochmal von null anzufangen, denn ich hatte dort eigentlich nichts. In meinem Umfeld in Russland wurde nicht über Homosexualität gesprochen. Ich hatte zwar einen kleinen schwulen Freundeskreis, doch alles musste sehr heimlich gemacht werden. Also ließ ich alles hinter mir. Ich ließ meine Familie zurück, die wollte, dass ich ins Ausland zum studieren ging. Das war der einzige Grund, warum ich meine Eltern überhaupt zurücklassen konnte. Mein Vater glaubt noch immer, dass ich aus kulturellen Gründen hier bin, denn meine Eltern wissen nicht, dass ich schwul bin, und im Grunde genommen werden sie es wohl auch nicht erfahren. Meine Schwester weiß es, weil ich es ihr vor einem Jahr erzählt habe.

Wie gefällt es dir in Spanien, fühlst du dich wohl?

Ja, es gefällt mir sehr gut, ich vergöttere Spanien, meine zweite Heimat. Es ist nur sehr schwer hier alleine zu überleben, denn ihr Spanier seid ein bisschen… Nun, ihr seid offen, aber es ist nicht so einfach sich mit einem Spanier anzufreunden. Alle unterhalten sich, und fragen, wie es geht, und dies und das, aber letztendlich geht das vorüber. Ihr Spanier seid sehr aufgeschlossen, bis zu einem gewissen Punkt, und danach nicht mehr. Aber ich fühle mich sehr wohl in Spanien, ich könnte mein ganzes Leben hier verbringen. Ich bin schon viel durch Europa gereist, doch dieses Land gefällt mir am besten. Ich fühle mich viel beschützter als in meinem eigenen Land.

Hattest du das Gefühl, dass die Daten aus der Umfrage, nämlich dass der Großteil der Russen intolerant gegenüber Homosexualität sind, sich in deinem täglichen Leben widerspiegeln?

Ich habe keine Fälle von Gewalt in Russland gesehen, denn in Wirklichkeit war es so, als ob Homosexualität gar nicht existierte. Im Moment wird mehr darüber gesprochen, wegen der neuen Regierung von Putin. Ich weiß nicht, warum sie dieses Thema so viel besprechen, vielleicht um die Aufmerksamkeit von anderen schwierigen politischen Themen wegzulenken. Das Problem ist, dass sie jetzt jeden Tag darüber sprechen, dass Homosexualität schlecht sei, und letztendlich werden es die Leute glauben. Tatsächlich rief mich mein Vater an, als das Gesetz gegen homosexuelle Propaganda verabschiedet wurde, um mir zu sagen, wie zufrieden er damit sei. Es gibt sogar eine Partei, die ganz offen propagiert, man solle Schwule auf dem roten Platz exekutieren. Manche Leute spinnen echt ein bisschen…

In Zeiten der UDSSR wurde Homosexualität als Krankheit angesehen. Hat sich seit dieser Zeit etwas verbessert?

In Wirklichkeit haben sie dich damals dafür ins Gefängnis gesteckt. Heutzutage ist das Schlimmste was sie machen, alles zu vermischen… Denn das vor Kurzem verabschiedete Gesetz heißt auch “Verbot von Propaganda für Homosexualität und Pädophilie”. So als ob das das gleiche wäre. Das Problem ist, dass es in der russischen Sprache keinen großen Unterschied zwischen den Wörtern “Tunte” und “Pädophiler” gibt, wenn man sie nur hört. Also gibt es viele Leute, die denken, dass normalerweise ein Homosexueller auch ein Pädophiler ist.

Dieses Gesetz, welches verbietet, Propaganda für Homosexualität zu machen, wurde fast einstimmig im Parlament beschlossen. Gibt es keine tolerante Partei?

Es gibt einen Kreis von Politikern, die bekennende Schwule sind und die für unsere Rechte kämpfen. Trotzdem, man sagt Russland sei ein demokratisches Land, aber das stimmt nicht. Russland ist keine Demokratie, und war es auch nie. Es passt nicht zu uns, ein demokratisches Land zu sein, es würde besser passen, wenn wir wieder eine Diktatur wären, oder sowas. Wir entwickeln uns zurück.

Die Entscheidungen, die Russland auf diesem Gebiet trifft, beeinflussen auch andere Länder. In Spanien zum Beispiel wurden Adoptionen von russischen Kindern solange angehalten, bis die spanischen Ämter darlegen können, dass diese Kinder nicht bei einer homosexuellen Person landen werden.

In Russland gibt es viele Kinder, die niemanden haben, sehr viele. Ich habe eine Schule besucht, die auch Waisen- und Findelkinder aufnimmt. Ich habe gesehen wie ihr Leben so ist, sie versuchen nur zu überleben. Deshalb denke ich, dass es besser wäre, wenn diese Kinder eine Mutter hätten, oder jemand, der sich um sie kümmert, anstatt dort zu bleiben, alleine und unter solch schlechten Umständen. Aber die russische Regierung veranlasst, dass Homosexuelle Kinder weder anfassen, noch mit ihnen reden können, damit sie sie nicht anstecken. [http://www.hrw.org/news/2013/09/13/anti-gay-law-shames-putin-s-russia]

Warum passiert das in Russalnd, was denkst du?

Erstens glaube ich, dass es daran liegt, dass die orthodoxe Religion in diesem Gesichtspunkt eine der striktesten ist, strikter als die katholische. Zweitens denke ich, dass es auch an Stalin liegt. Er war es, der das erste Gesetz gegen Homosexualität veranlasste, und es gibt immer noch viele Leute mit kommunistischer Einstellung. Es kommt vieles zusammen.

Im Fall von Spanien, wo der Großteil der Bevölkerung katholisch ist, widerspricht sich das nicht mit der Tatsache, dass Homosexualität von den meisten akzeptiert wird…

Aber hier in Spanien schätzen homosexuelle Menschen das nicht wert.

Sie schätzen die Freiheit die sie haben nicht wert?

Nein. Sie haben sich daran gewöhnt, frei und sorglos zu leben. Und ich habe mich auch daran gewöhnt, aber wenn mich Freunde in Madrid besuchen, flippen sie aus. man geht durch die Straße, und denkt: “Wirklich, so weit kann man hier gehen?”. Manchmal wird hier auch ein bisschen übertrieben. Für mich ist das wichtigste, entspannt und in Freiheit leben zu können.

Kommen wir zum Ende des Interviews. Die letzte Frage ist, ob dein Name genannt werden soll, oder ob du es bevorzugst, wenn wir ein Pseudonym schreiben.

Schreibt meinen Namen, es gibt nichts zu verstecken.

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Interview mit Anastasiya Belickaya

 

Anastasiya Belickaya lebt in Sankt Petersburg und ist eine enge Freundin von Andrey Glishkó. Sie beendet ihre Erklärung per Email mit einer Entschuldigung: “Verzeihung, wenn ich die Gefühle von irgendjemandem verletzt habe”.

“Ich glaube an wahre homosexuelle Liebe, ABER in der Realität glaube ich nicht, dass alle Schwulen schon von Natur aus schwul sind. Ein paar von ihnen lassen sich einfach von Trends oder Bekenntnissen von Künstlern beeinfllussen, oder probieren schlichtweg etwas neues aus. Ich habe solche Personen kennengelernt und ich teile ihren Lebensstil nicht. Auf der anderen Seite sind alle Menschen der Welt von Natur aus heterosexuell: Du, ich, jeder. Aber wir haben alle viele Schwächen und Wünsche. Einige Männer wählen die traditionelle Beziehungsform, andere können, und das klingt jetzt vielleicht sehr ‘religiös’, den inneren Konflikten, die wir haben, nicht die Stirn bieten, und wählen homosexuelle Beziehungen.

Es ist sehr schwierig für mich, dir über dieses Thema zu schreiben, denn du lebst in Spanien, ein Land mit einer ganz anderen Philosophie und Einstellung, im Vergleich zu Russland. Unsere Wahrnehmung dieses Themas hängt mit unserer Geschichte zusammen, und die Homosexuaität ist hier keine typische Beziehungsform. Und ich möchte nicht, dass meine Kinder, mein Vater oder meine Großmutter auf der Straße turtelnde Schwule sehen, die eigentlich von Natur aus ein Sinnbild für Mut, Sicherheit und Stärke sein sollten.

Was öffentliche Kundgebungen betrifft, so bin ich gegen die ‘pornografischen’ Shows. Wenn Schwule ein normales Leben leben wollen, sollten sie aufhören, dieses Thema jedem aufzuzwingen. Ich verstehe, dass dies wichtig ist, um die Lebensform von Homosexuellen zu schützen, und ich weiß, dass sie jeden Tag unter psychologischem Druck leiden müssen. Ich habe viele schwule Freunde und ich spreche mit ihnen nicht über Homosexualität, denn ich behandle sie einfach genauso, wie meine restlichen Freunde, ohne irgendwelche Unterscheidungen.”

 

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Interview mit Nina Ivanova

 

Nina Ivanova, die es bevorzugte unter einem Pseudonym zu schreiben, ist 23 Jahre alt, hat Internationale Beziehungen und Regionale Studien studiert und lebt zur Zeit in Jekaterinburg, der Hauptstadt des föderalen Bezirks Ural. Sie bot uns ihre persönliche Sicht auf die Verabschiedung des ‘Gesetzes gegen Propaganda für nicht-traditionelle Beziehungen gegenüber Minderjährigen’.

“Ich glaube, dass die sexuelle Orientierung im Leben eines Menschen eine private Sache ist. Jedes Individuum soll für sich selbst entscheiden. Aber eine Person sollte nicht bewirken, dass andere sich genauso entscheiden, lesbisch oder schwul zu sein. Auf der anderen Seite sollte die Gesellschaft Homosexuelle nicht aufgrund ihrer Orientierung unter Druck setzen. In Russland sind die Leute normalerweise sehr konservativ, was die Akzeptanz von Homosexualität in ihrer Umgebung angeht. Junge Schwule müssen ihre sexuellen Präferenzen verheimlichen. Andernfalls könnten sie von Hooligans angegriffen oder von den Leuten beschimpft werden. Das ist traurig.

Ich denke, dass die Mehrheit meiner Freunde meine Meinung teilt. Wir leben in einer großen Stadt, wir reisen viel und wir verstehen, dass wir tolerant und respektvoll zu anderen sein sollen, ungeachtet ihrer Religion, ihres Alters, ihrer Nationalität oder ihrer sexuellen Orientierung. Nichtsdestotrotz fühle ich mich nicht wohl, wenn Homosexuelle ihre Gefühle an sehr sehr öffentlichen Orten, zum Beispiel durch intime Küsse oder Umarmungen, demonstrieren, denn das ist Teil des privaten Lebens.

Außerdem habe ich die folgende Meinung gehört: Dieses Problem ist nicht besonders wichtig. Die Leute widmen dem Thema LGTB sehr viel Aufmerksamkeit, aber in Russland gibt es wichtigere soziale Probleme, wie zum Beispiel, dass Leute viele Jahre warten müssen, um einen Platz im Kindergarten zu bekommen, usw.”.

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Interview with Xavier Colás: El Mundo’s correspondent in Moscow

 

Xavier Colás ist der Moskauer Korrespondent der Zeitung El Mundo, eine der meistverkauften Zeitungen mit allgemeiner Berichterstattung Spaniens. Er besetzt diese Stelle seit Januar 2012. Zuvor lebte er auch schon in Sankt Petersburg, wohin er als Student zog.

Warum, glaubst du, ist Homosexualität in Russland nicht so akzeptiert?

Ich glaube in Russland fehlt es unglaublich an Empathie. Die bürgerliche Gemeinschaft ist sehr schwach ausgeprägt, fast gar nicht vorhanden. Vor 30 Jahren waren wir in Spanien auch nicht begeistert von Homosexuellen, aber es gab einen gewissen Respekt gegenüber dem was man nicht verstand. Und mit der Zeit wurde dieser Gemeinschaft Gehör geschenkt, und heute sind wir sogar stolz auf sie. Für Russland ist das Zuhören schwieriger, denn dort ist man sich aufgrund einer Identitätskrise unsicher. Außerdem ist die dortige Gesellschaft in manchen Bereichen sehr traditionell (ohne Feminismus, Umweltschutzbewegung und Vereinsbewegung), obwohl sie in anderen Gebieten sehr offen ist (z.B. Scheidung, Sex oder Internet). Hier existiert die fixe Idee, dass Homosexualität mit Pädophilie verknüpft ist. Das verkompliziert die Debatte. [http://www.elmundo.es/elmundo/2013/06/11/internacional/1370958773.html Spanischer Artikel von El Mundo zu diesem Thema]

Glaubst du, dass diese Intoleranz mehr mit Homophobie zusammenhängt, oder eher in der Kultur begründet ist?

Die Regierung lehnt organisierte Gruppen von Schwulen ab, nicht solche, die im Schatten herumvögeln. Der Kreml will nicht, dass sich Schwule beschweren, in Englisch mit den Medien reden, Sichtbarkeit verlangen und das schöne Bild zerstören. Die russischen Bürger, auf der anderen Seite, sind traditionell, und das ist ihnen auch bewusst. Sie glauben wirklich daran, dass Homosexuelle ein Problem haben oder, dass sie die Gesellschaft pervertieren. Sie wissen nicht was sie sagen. Aber sie wissen nicht, warum sie nicht zuhören, und warum viele nicht reden. Viele reden nicht und folgen der Masse, wegen allem was ich vorher schon gesagt habe. Das Problem ist nicht so sehr, dass es Vorurteile gibt (es gab sie, und es gibt sie immer noch überall), sondern dass es wenig Kritiker gibt, die solchen Vorurteilen die Stirn bieten. Und das Misstrauen gegenüber dem Ausland (Russland sieht sich als umzingelten Kontinent) erschwert es, eine Lösung von außerhalb anzunehmen.

Hast du eine Kundgebung für oder gegen Homosexualität miterlebt? Was für eine Atmosphäre herrscht da?

Ja. Die Stimmung ist angespannt und es versammeln sich sehr brutale Leute, die beleidigen wollen. Das auffälligste an Russland ist, dass es so wenig heterosexuelle Leute gibt, die bereit sind, auf der Seite der Homosexuellen zu demonstrieren und sie zu verteidigen. Eine Sache, die die Leute nicht wissen ist, dass viele Verletzte, von denen berichtet wird, Anti-Gays sind. Die Schwulen müssen hier ziemlich viel einstecken, und wenn ihnen von der anderen Straßenseite achtmal hintereinander “Pädophiler” hinterhergerufen wird, durchqueren sie ein Polizeikordon (und rempeln Polizisten an), stellen sich den Anti-Gays gegenüber (und verprügeln den einen oder anderen). Danach kehren sie zu ihrer Kundgebung zurück (und schubsen zwei Polizisten). Ich bin einmal zu einer Demonstration von Schwulen gegangen, und niemand kam. Nur die Polizei und ich. Man sieht häufig Fahnen von Homosexuellen bei Kundgebungen der außerparlamentarischen Opposition. Obwohl die Anführer der Außerparlamentarischen (und von den Parlamentariern will ich gar nicht erst anfangen), es vermeiden, sie ins Rampenlicht zu ziehen. Es ist als ob man Robalcaba [Generalsekretär der sozialistischen PSOE in Spanien, Anm. des Übersetzers] auf Marihuana anspricht. Momentan sind Demonstrationen von Homosexuellen verboten. Das ‘Gesetz gegen Propaganda für nicht-traditionelle Beziehungen gegenüber Minderjährigen’ ist ein Trick. In Wirklichkeit gibt es ja überall Minderjährige, also kann man nicht aussprechen, dass man schwul ist, auch nicht auf dem Baikalsee bei minus 40 Grad im Winter. Russland hat die Münder der Schwulen zugenäht.

Glaubst du, dass sich die Situation in der Zukunft verbessern könnte?

Ohne Zweifel. Die Schwulen werden die Schlacht hier genau so gewinnen wie in Spanien. Es wird ähnlich ablaufen wie in den USA in den Sechzigern. Es wird hart, aber es wird andauern. Die russische Gesellschaft funktioniert nicht auf Diktat der Regierung. Sie ist bereit die Regierung zu ertragen, aber sie wird nicht immer folgen.

Erscheinen dir die jüngeren Generationen toleranter?

Nicht toleranter, aber aufnahmefähiger. Einfacher zu überzeugen. Sie sind öfter draußen und sie sind nicht so folgsam. Es gibt einen enormen Unterschied zwischen Moskau/Sankt Petersburg und dem Rest von Russland. In der Provinz ist die Situation kompliziert, weil Schwule von lokalen Gangs straflos attackiert werden. In der Hauptstadt gibt es eine allgemeine Frustration, aber mit ihrem Leben machen die Schwulen was sie möchten (nicht öffentlich, natürlich).

Mich interessiert besonders deine persönliche Wahrnehmung von dem was passiert.

Vor einem Jahr sprach ich auf einer Party mit zwei Russinnen (mit Freund). Ich brachte sie auf das Thema Homosexuelle. Beide mieden es, sie zu verurteilen, aber der Ton in dem sie sprachen konnte kaum abwertender sein. Alles waren Sätze wie: “Nein, ich habe nichts gegen sie, mir haben sie ja nichts getan, die sind halt so und können es nicht ändern, wir sollten ihnen keinen Schaden zufügen”. Sie bemitleideten sie. Nach wenigen Monten wiederholte sich die Party. Ich wendete mich an einen schwulen Korrespondenten, einen meiner Kollegen. Er war nicht gerade hässlich, und er kommt aus einem latein-amerikanischen Land, er war sehr nett, sprach sehr gut russisch, passte gut zu der Runde von Jungen und Mädchen, erinnerte sich an alle Namen und machte jedem einzelnen ein Kompliment. Er brachte seinen festen Freund mit, ein Russe, ein eher stiller und sehr eitler Mann. Es waren auch die gleichen zwei Mädchen da. Sie waren total begeistert von den beiden, sie lagen in vielen Dingen natürlich weit über dem russischen Durchschnittsmann. Sie wünschten sich, ihr Obsthändler, ihr Chef, ihr Arbeitskollege wäre so wie mein Kollege. Schließlich gab es vor einer Woche wieder eine Party. Es passierte wieder das Gleiche: Ein schwules Pärchen, Spanier und Russe, beide Fitness- und Tanztrainer. Sympathisch und hinreißend. Die Mädchen konnten sich kaum von den beiden trennen, aber diesmal fügten sie sie auf Facebook hinzu und wollen sie zu ihrer Geburtstagsfeier einladen. “Sie sind toll! Wie sympathisch!”. Keine Spur von “Pädophilen”.  Die Diskussion, dass Schwule krank, pädophil oder pervers seien, lässt sich leicht am Leben halten, wenn man ihnen nicht erlaubt, sich zu zeigen, wie sie sind. Aber wenn sie ins Licht treten, wird der Schwindel aufgedeckt, auch in Russland. Und mit der Aufklärung des Unsinns, dass sie Abschaum seien, klärt sich auch der Rest auf. Mich als Heterosexueller hatte das Bild einer “Gay-Pride-Party” immer irritiert. Solz, worauf? Schwul sein ist doch kein Verdienst. Aber in Russland habe ich gelernt, dass, obwohl es kein Verdienst ist, der Stolz eine fundamentale Rolle spielt beim Kampf gegen entschlossene Verfolger. In diesem homophoben Krieg werden die ersten, die die Russen an die Schwulen verlieren werden, die Mädchen sein. So wie es mit diesen beiden passiert ist. Sie schreiten stets voran. Wenn die Homophoben die Mädchen verlieren, verlieren sie den Krieg.

 

[crp]

Autor

J. Ignacio Urquijo Sánchez (Spanien)

Studium / Arbeit: Journalismus und Internationale Beziehungen

Sprachen: Spanisch, Englisch, Deutsch

Europa ist… eine Mischung großartiger Kulturen, von Shakespeare bis Cervantes, vom Rila-Kloster bis zum Sonnenuntergang auf dem Roque Nublo.

Blog: www.ignaciourquijo.wordpress.com

Twitter: @nachourquijo

 

 Illustrations

Andreea Mironiuc (Romania)

Freelance illustrator, chocolate addict, full time dreamer.

Studies: Multimedia Design and Communication

Speaks: Romanian, English, Spanish

Europe is… where my heart is.

Portfolio: www.andreeamironiuc.com

FB: www.facebook.com/andreeaillustration

Übersetzung

Anja Meunier (Deutschland)

Studium: Mathematik und Wirtschaft

Sprachen: Deutsch, Englisch, Spanisch

Europa hat… schöne Länder, interessante Leute, einen tollen Lebensstil. Und die Notwendigkeit zusammen zu halten.

500px: Anja Meunier

Korrektur

Luzie Gerb (Deutschland)

Studium: Kunstgeschichte, Kunsterziehung und Vergleichende Kulturwissenschaft

Sprachen: Deutsch, Englisch, Schwedisch, Französisch

Europa ist… voller magischer Orte, interessanter Menschen und ihren Geschichten.

 

Author: ignacio

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