“Man braucht nicht nur eine Leica, man braucht auch noch einen Kopf und ein Auge”

1914 entwickelte Oskar Barnack, Mitarbeiter bei der Optikfirma Leitz im deutschen Wetzlar und leidenschaftlicher Hobby Filmemacher, die erste Kamera im Kleinbildformat, die nicht wie damals üblich auf Glasplatten, sondern auf Kinofilm belichtete. Nach ihrer Markteinführung 1924 wurde sie zum Welterfolg und ermöglichte durch ihre Kompaktheit ganz neue Art der Fotografie. Seit 2014 widmet sich die Ausstellung „Augen auf! – 100 Jahre Leica Fotografie“ dieser Kultur und präsentiert in verschiedenen europäischen Städten die besten Werke aus hundert Jahren.

Ur-Leica von 1914

Ur-Leica von 1914 © Leica Camera AG, 2016 / Kunstfoyer

Hans-Michael Koetzle, Fotohistoriker und Kurator der Ausstellung, beginnt bei seiner Führung im Kunstfoyer München mit der Erfindung und den technischen Details der ersten Leica. Der Erfinder Oskar Barnack nannte sie damals noch „Liliput“, denn das Besondere war ihre kompakte Größe. Darin lagen auch der bahnbrechende Erfolg und der Umbruch den sie auslöste. „Plötzlich konnte man eine Kamera in die Jackentasche stecken, man hatte sie immer dabei. Wenn es auf der Straße eine Schlägerei gab, zog man sie raus, und schon hatte man ein Bild gemacht. Hätte man zuerst nach Hause gehen müssen, um den riesigen Kasten zu holen, wäre der Moment schon längst vorbei gewesen“, erklärt Koetzle.

Durch die vielen neuen Gestaltungsmöglichkeiten konnten Fotografen erstmals ihre ganz persönliche Sicht auf die Welt darstellen. Henri Cartier-Bresson, Mitbegründer der Agentur Magnum, sagte einmal: “Ich hatte gerade die Leica entdeckt. Sie wurde zur Verlängerung meines Auges, und ich war seitdem nie wieder von ihr getrennt. Ich streifte den ganzen Tag durch die Straßen und fühlte mich sehr angespannt, bereit zuzuschlagen, entschlossen das Leben zu ‘fangen’ – es im Moment des Lebens zu konservieren.” Spontaneität und Nähe zum Geschehen, das war es, was die Fotos einer Leica damals so einzigartig machten.

Ramón Masats, Ohne Titel, Tomelloso, Spanien 1960 © Ramón Masats, 2016 / Kunstfoyer

Ramón Masats, Ohne Titel, Tomelloso, Spanien 1960
© Ramón Masats, 2016 / Kunstfoyer

Doch die durch den technischen Wandel demokratisierte Fotografie löste auch eine bis heute anhaltende Debatte aus. Wann ist ein Foto ein Kunstwerk, und wenn jeder immer und überall fotografieren kann, ist dann jeder ein Künstler? Koetzle bringt es so auf den Punkt: „Man braucht nicht nur eine Leica, man braucht auch noch einen Kopf und ein Auge.“

Über Jahrzehnte hinweg wurde die Leica in den verschiedensten Genres genutzt. Diese Bandbreite, die von Street Photography über Kriegsreportage bis zu Modefotografie reicht, wird auch in der Ausstellung sichtbar. Unter den ausgestellten Bildern sind viele Meisterwerke, die fast jedem Besucher bekannt sein dürften, so zum Beispiel „The Falling Soldier“ von Robert Capa aus dem spanischen Bürgerkrieg, oder das Che Guevara Portrait „Geruillero Heróico“ von Alberto Korda.

Herbie Yamaguchi: "we are still alive"

Herbie Yamaguchi: „we are still alive“ („wir leben noch“), Japan 2011
Drei Generationen. Großmutter, Mutter und Enkelin treffen in einer Notunterkunft in Fukushima aufeinander und feiern ihr Überleben, 2011
© Herbie Yamaguchi, 2016 / Kunstfoyer

Die Führung ist gespickt mit lustigen Anekdoten über die Fotografen, von denen Koetzle auch viele persönlich kennt. Er erzählt, wie Alberto Korda einst dem befreundeten Fotografen René Burri einen Abzug seines Che Portraits überreichte, und ihn mit mit „Für meinen Freund, das berühmteste Che Guevara Foto“ signierte. Daraufhin schenkte Burri Korda seinerseits eine Kopie seines Fotos „El Che Fumando“, das er mit „Für meinen Freund, das beste Che Guevara Foto“, signiert hatte.

Doch auch während der Ausstellung hat Koetzle schon einiges erlebt. „Ich sah eine japanische Familie, Vater, Mutter, drei Söhne. Sie betrachteten die Bilder von Herbie Yamaguchi nach dem Erdbeben in Fukushima. Ich fragte sie ‚Gefallen Ihnen die Bilder?‘. Der Vater nickte ruhig, und sagte ‚Ja, schon. Ich bin der Fotograf‘. Die Familie war extra angereist, um die Bilder hier in Deutschland an der Wand hängen zu sehen. Das war sehr bewegend.“

 

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von international renommierten Leica Fotografen wie Alexander Rodtschenko, Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, Christer Strömholm, Bruce Davidson, F.C. Gundlach, Fred Herzog, Robert Lebeck, William Eggleston, Will McBride, Paolo Roversi, René Burri, Alberto Korda, Thomas Hoepker, Bruce Gilden, Mark Cohen, Nobuyoshi Araki und vielen Weiteren. Sie ist noch bis zum 5. Juni im Kunstfoyer München zu sehen, danach wird sie in verschiedenen europäischen Städten zu sehen sein, darunter Madrid und London. Ein umfangreicher Katalog zur Ausstellung ist im Kehrer Verlag erschienen.

 

 

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Autorin

Anja Meunier (Deutschland)

Studium: Mathematik und Wirtschaft

Sprachen: Deutsch, Englisch, Spanisch

Europa hat… schöne Länder, interessante Leute, einen tollen Lebensstil. Und die Notwendigkeit zusammen zu halten.

500px: Anja Meunier

Author: Anja

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