Meine Sprache, mein Zuhause: Deutsch

In den letzten Jahren hat Deutsch als Fremdsprache sehr an Beliebtheit gewonnen, überall in Europa und der Welt möchten die Menschen plötzlich Deutsch lernen. Deutsch ist in Mode. Doch niemand ist davon so überrascht wie wir Muttersprachler.

Von Anja Meunier / 26.3.2017

Teil I: Meine Sprache, mein Zuhause: Katalanisch

Teil II: Meine Sprache, mein Zuhause: Maltesisch

Hat man uns nicht immer gesagt, Deutsch wäre zu schwierig, und außerdem klinge es immer, als würden wir streiten? Nun ja, daran hat sich vielleicht nicht viel geändert. Doch durch die gute wirtschaftliche Lage in der deutschsprachigen Region Europas bekommt meine Muttersprache plötzlich eine ganz neue Bedeutung, und immer mehr Leute entdecken auch die interessanten, schönen und logischen Seiten, die ich auch euch heute näher bringen möchte.

Zunächst einmal: Deutsch kann auch sehr schön und lyrisch klingen! Nicht ohne Grund war Deutsch im 19. Jahrhundert bekannt als Sprache der Dichter und Denker. Goethe, Schiller, Rilke, sie alle werden heute weltweit noch immer hoch geschätzt. Hört euch mal das folgende Gedicht an.

„Der Panther“ von Rainer Maria Rilke

Besonders interessant an der deutschen Sprache, und wofür sie berühmt und berüchtigt ist, sind die zusammengesetzten Substantive. Das am häufigsten zitierte Beispiel, das nur zu diesem Zweck erfunden wurde, ist „Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänsmützenbommel“. Das bilden solcher Wörterschlangen ist im Deutschen deshalb möglich, weil, anders als in vielen anderen Sprachen, ein Substantiv, das näher beschrieben werden soll, durch das Voranstellen eines weiteren Substantivs ergänzt werden kann, ohne ein Leerzeichen dazwischen. Durch sehr genaue Beschreibungen erhält man also sehr lange Wörter.

Illustration: Luzie Gerb

In der Realität werden solche Riesenwörter aber fast nicht benutzt, nach zwei oder drei Verbindungen ist Schluss. Trotzdem sind die zusammengesetzten Wörter in kürzerer Form allgegenwärtig. Viele Tiernamen, Gegenstände und andere Namenwörter sind so entstanden. Ich liebe diese Wörter, ihre Logik ist so einfach und kindlich. Ein Bär der seine Hände wäscht? Ein Waschbär! Ein Schwein mit Stacheln? Ein Stachelschwein. Du bist im Frühling glücklich? Frühlingsgefühle! Ein Lied sitzt in deinem Ohr fest wie ein Wurm? Du hast einen Ohrwurm!

Einige dieser Wörter wurden bereits von anderen Sprachen aufgenommen, da sie ganz bestimmte Situationen oder Konzepte sehr treffend beschreiben, zum Beispiel Schadenfreude, Wanderlust, Wunderkind oder Kindergarten.

Illustration: Luzie Gerb

Ein spanischer Freund von mir, dessen Deutsch bereits fantastisch ist, sagte letztens, eine Sache die er nie verstehen werde, sei die Verwendung von Füllwörtern im Deutschen. Davon gibt es tatsächlich sehr viele, zum Beispiel eben, halt, doch, eigentlich, mal, echt, ja, nur… um nur einige zu nennen. Alle haben eine unterschiedliche Bedeutung, die zusätzlich noch vom Kontext abhängt, und wenn man mehrere hintereinander benutzt, heißt es wieder etwas anderes… In dem Satz „Bring doch deine Freundin mit!“ bedeutet das „doch“, dass es sich um einen Vorschlag handelt, während es in „Du bist ja doch gekommen!“ Überraschung ausdrückt.

Eine weitere Besonderheit des Deutschen ist seine Wortstellung, das Wichtigste kommt meist zum Schluss. In seinem von genervten Deutschschülern viel zitierten Text „The Awful German Language“ beschwerte sich Mark Twain unter anderem darüber, dass man sehr lange warten müsse, um zu erfahren, was eigentlich passiert. „Heute Abend bringe ich dich…“ Um? Zum Flughafen? Einer der berühmtesten unvollendeten Sätze der Geschichte ist der, den der damalige Außenminister der Bundesrepublik Deutschland Hans-Dietrich Genscher 1989 auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag zu geflüchteten DDR-Bürgern sagte: „Wir sind zu Ihnen gekommen, Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…” Der Rest war in lautstarkem Gejubel nicht zu hören. Grammatikalisch korrekt hätte er aber auch mit „…nicht möglich ist.“ beendet werden können.

Ich finde es auch interessant, wie wir im Deutschen die Wörter anderer Sprachen benutzen, vor allem englische. Manchmal nutzen wir sie, um genauer zu differenzieren. Zum Beispiel benutzen wir das englische Wort „Swimmingpool“ für ein privates Schwimmbecken, während öffentliche Bäder „Schwimmbad“ heißen. Wenn man „shoppen“ geht, kauft man Klamotten, für Lebensmittel benutzen wir das deutsche „einkaufen“. Es gibt aber auch Anglizismen, die einem englischen Muttersprachler sehr komisch vorkommen würden. Zum Mobiltelefon sagen wir „Handy“, „Public Viewing“ sagen wir, wenn wir uns ein Fußballspiel an einem öffentlichen Ort ansehen, doch wörtlich übersetzt heißt das eigentlich Leichenschau.

Deutschsprachige Regionen Europas © A. Meunier

Über 100 Millionen Menschen haben Deutsch als Muttersprache. In Europa wird Deutsch in ganz Deutschland, Österreich und Liechtenstein gesprochen, außerdem in Südtirol, der nördlichsten Region Italiens, in der deutschsprachigen Region der Schweiz, in Luxemburg, in der deutschsprachigen Gemeinde Belgiens, in den Grenzgebieten Elsass und Lothringen in Frankreich, in Nordschleswig in Dänemark, sowie von Teilen der Bevölkerung in einigen osteuropäischen Regionen, beispielsweise in Oppeln in Polen und in Siebenbürgen in Rumänien.

Ich finde es schön, dass meine Muttersprache plötzlich so populär ist. Im Austausch mit Menschen, die sie als Fremdsprache gelernt haben, bekomme ich eine neue Sicht darauf, und beginne, sie ganz neu zu durchdenken und zu hinterfragen.

Autorin

Anja Meunier (Deutschland)

Studium: Mathematik und Wirtschaft

Sprachen: Deutsch, Englisch, Spanisch

Europa hat… schöne Länder, interessante Leute, einen tollen Lebensstil. Und muss zusammenhalten.

500px: Anja Meunier

Illustration

Luzie Gerb (Deutschland)

Studium: Kunstgeschichte, Kunsterziehung und Vergleichende Kulturwissenschaft

Sprachen: Deutsch, Englisch, Schwedisch, Französisch

Europa ist… voller magischer Orte, interessanter Menschen und ihren Geschichten.

Webseite: www.luzie-gerb.de

Author: Anja

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